La Grande-Duchesse de Gerolstein im Aachen, Theater

Weniger Zeitsatire als Unterhaltung

2019 ist Offenbach-Jahr. In Köln, seiner Geburtsstadt, wird der Komponist mit sich über viele Wochen hinziehenden Veranstaltungen besonders nachdrücklich gefeiert. Die hier seit 2015 ansässige Offenbach-Gesellschaft wurde freilich auch aus der Erkenntnis heraus gegründet, dass der zu seiner Zeit sensationell erfolgreiche Operettenkönig dem heutigen Repertoire doch einigermaßen entschwunden ist. Wirklich gehalten haben sich nur einige Hauptwerke. Immerhin zeigt die in jüngster Zeit mehrfache Wiederbelebung der Oper Les fées du Rhin (Die Rheinnixen), dass an einer Veränderung der Situation gearbeitet wird.

Offenbachs Werke spielen mit den Unwägbarkeiten des Mensch-Seins und vor allem mit den Fallstricken der Politik. Während aber das Kabarett stets brandaktuell reagieren kann, sind die bissigen Fingerzeige bei Offenbach doch sehr stark zeitgebunden. Was einst unmittelbar zündete, muß heutzutage weitschweifig erklärt werden. Die Großherzogin von Gerolstein wirkt, wie die aktuelle Aachener Aufführung zeigt, immer noch frivol, karikierend und entlarvend, aber komödiantisch Äußerliches gewinnt doch meist die Oberhand.

Da vermag Regisseur Joan Anton Rechi nur maßvoll entgegenzusteuern, wenn er etwa die Bühne von Gabriel Insignares als Spielzeugfabrik ausstatten läßt. Das Spiel der Mächtigen mit ihren Untergebenen erschließt einem diese Szene nicht unmissverständlich, da müssen schon Interpretationshinweise im Programmheft helfen. Im ersten Moment denkt empfindet man die bunte, aber nüchterne Architektur als Sparmaßnahme des Hauses. Doch immerhin geben die Choristen in ihrer uniformen Arbeitskleidung (Kostüme: Merce Paloma) bei aller Fröhlichkeit des Agierens einen Verweis auf gesellschaftspolitische Verhältnisse. Aber das komödiantische Drumherum überwiegt letztlich doch.

Und die Großherzogin? Rechi lässt sie während der Ouvertüre vor einem altmodische Fernsehapparat sitzen und sich bei einem Tässchen Kaffee an Bildern aus aller Welt delektieren, mehr gelangweilt freilich als wirklich interessiert. Das Gerät gibt ohnehin bald seinen Geist auf, wie auch sonst - bei aller Kostümeleganz - in der Gerolstein-Dynastie Vieles marode zu sein scheint. Auch die Gefühle. Das erotisch unbefriedigte Frauen-Dasein meldet sich bei der Grande-Duchesse ständig zu Wort. Um sich einen passenden Lover zu angeln, ist sie zuletzt sogar gewillt, über Leichen zu gehen (Mordauftrag in Sachen Soldat Fritz). Seelische Abgründe. Aber kann man Madame, die in Gestalt von Irina Popova wie eine Mixtur von Elisabeth II. und Montserrat Caballé als Madame Krakentorp in der Wiener Fille du régiment wirkt, zuletzt noch wirklich böse sein? Sie begnügt sich ja auch mit dem Langeweiler Paul. Was man hat, hat man halt.

Nach einer durch brachiale Gags total verdorbenen Strauss-Ariadne hat Rechi in der Großherzogin von Gerolstein ein seinem Regienaturell wirklich entsprechendes Stück gefunden. Man amüsiert sich bei seiner Inszenierung guten Gewissens, auch über die vielen belebenden Nonsens-Bewegungen der Akteure. Die köstlichste Figur gelingt dem Regisseur mit dem Generaladjudanten Nepomuk, den Takahiro Namiki auf tuntige Gipfel treibt. Wie er das macht, bleibt aber stets liebenswürdig und charmant. Eine tolle Leistung. Zu singen hat der japanische Tenor, derzeit Stipendiat der Theaterinitative Aachen, letztlich nur im Ensemble, was eine Bewertung seiner Stimme nicht zulässt.

Großes Kompliment auch an Irina Popova, die mit Senta, Arabella oder auch Ellen Orford bislang vor allem das seriöse Sopranfach abdeckte, nun aber auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellt, mitunter nur mit kleinsten Gesten. Und sie bietet vokale Power und ironische Grandeur. Mit dem General Bumm hat Pawel Lawreszuk nach langer Zeit mal wieder eine zentrale Partie zugewiesen bekommen. Auch wenn man sich die Partie bassfundierter vorstellen kann, erlebt man ein rundes, pralles Rollenporträt. Der chilenische Tenor Patricio Arroyo wirft sich vehement in die Partie des attraktiven Soldaten Fritz, setzt sie nicht zuletzt darstellerisch unter mächtigen Dampf. Mit der Partie seiner Geliebten Wanda sind im Grunde nicht viele Lorbeeren zu ernten. Suzanne Jerosme gefällt aber durch die Bank. Sehr viril Soon-Wook Ka als Prinz Paul. Von den weiteren Mitwirkenden stammen viele aus dem Opernchor. Der vielseitige Belgier Jori Klomp (Saxophon, Gesang, Chorleitung) entzündet mit dem Sinfonieorchester Aachen Offenbachs Ohrwurm-Musik mit viel Gusto und farblicher Variabilität.

 

Die Aachener Großherzogin von Gerolstein (Gesangsnummern französisch, Dialoge deutsch) dauert über drei Stunden und zieht sich trotz allem Amüsement nach der Pause doch ein wenig hin. Ein Drittel weniger ergäbe vermutlich eine stimmige Länge.