Roméo et Juliette im Duesseldorf Oper

Julia überlebt und heiratet

 Bei der Rheinopern-Produktion von Gounods Roméo et Juliette ist zunächst lobend auf das Protagonistenpaar einzugehen. Sowohl Luiza Fatyol als auch Ovidiu Purcel durchliefen das Opernstudio des Hauses und zählen jetzt zu den führenden Kräften des Ensembles. Luiza Fatyol ist eine hochversierte Kolorateuse (in dieser Spielzeit gibt sie u.a. noch Violetta), Ovidiu Purcel ein äußerst vielseitiger Tenor. Die vokale Gelenkigkeit der Sopranistin, ihre fulminanten Höhen beeindrucken ungemein. Ihr Timbre besitzt freilich eine leichte Schärfe, was mutmaßen lässt, dass sie irgendwann einmal Verdis Abigaille und vergleichbare Partien angehen könnte. Der Tenor hingegen überwältigt mit einer bis in extreme Spitzentöne hinein weich gerundeten, mühelosen Stimme, deren Strahlkraft einen mitunter förmlich umhaut. Piano-Finessen kommen dabei aber nicht zu kurz. An den individuellen Farbklang seines Organs muß man sich freilich etwas gewöhnen. Für beide Künstler gilt ohnehin, daß sie den im Prinzip lyrischen Charakter der dargestellten Personen nicht ideal treffen. Luiza Fatyols Julia wirkt weniger mädchenhaft jung als gesetzt mondän, was ihr Glitzerkleid unterstreicht; auch Ovidiu Purcels Romeo fehlt es ein wenig an adoleszenter Ausstrahlung.

 Möglich, dass diese Wirkung von der Inszenierung gewollt ist. Philipp Westerbarkei, seit 2013 Spielleiter am Haus, hat eine spezielle Auffassung zum Romeo-Stoff im Allgemeinen, zur Opernversion Gounods im Besonderen. Auf acht Seiten werden seine Gedanken bei Gelegenheit eines im Programmheft abgedruckten Gespräches (an welchem auch seine Ausstatterin Tatjana Ivschina teilnahm) ausgebreitet. Man erfährt manch Kluges, mitunter aber auch nur tiefgründiges Gemeintes, auf lange Sicht sogar ziemlich Verkopftes. Diese Feststellung soll freilich nicht die gute Absicht des Regisseurs verkennen, das fast schon mit einem emotionalem Heiligenschein umgebene Liebesdrama neu zu beleuchten. Das Finale deutet Westerbarkei beispielsweise als „Rückblende eines Sterbenden, der das ganze Leben noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen sieht“.

Diese Schlussszene schaut in Düsseldorf wie folgt aus. Capulet (Michael Kraus mit immer noch eindrucksvollen baritonalen Kraftreserven) findet seine Tochter mitnichten leblos vor, als er sie zur Hochzeit mit Graf Paris abholen will. Auch im Grabgewölbe ist Julia noch auf den Beinen, ihr zurückkehrender Geliebter weint sich lediglich an ihrem Hochzeitskleid aus, an welchem beide dann herumzerren. Während Romeo dann sein Leben aushaucht, wird Julia (kein Suizid per Gift oder Dolch) vom Vater dem vorgesehenen Gatten tatsächlich noch zugeführt und damit einem Adelsritual Genüge getan.

 Was bringt diese eigenwillige Stoffvariante? Letztlich ebensowenig wie der sich manchmal hektisch bewegende, dann wieder steif und rampenfrontal herumstehende Chor, der händeschwenkend offenbar die Indolenz einer feierwütigen Gesellschaft markieren soll. Die Szene des einen Apfel zerpflückenden Romeo-Freundes Stéphano (hinreißend: Maria Boiko) steht isoliert, ohne Erzählzusammenhang im Raum. Ein alternatives, stummes Julia/Romeo-Paar soll offenbar den Teenager-Zustand der Liebenden sichtbar machen, bei welchem sich auch schon mal pubertäre Rangeleien abspielen. Tybalt, für den sein Feind Mercutio übrigens verborgene homoerotische Gefühle zu hegen scheint, wird „aufgewertet“, indem er, der im Zweikampf Erstochene, mit blutigem Hemd und zigarettenrauchend (!) Romeo und Julia in der Liebesnacht geisterhaft drohend erscheint. Ibraim Yesilay füllt seine Rolle angemessen aus.

Zentraler Bühnenaufbau ist ein Felsenmassiv, auf welchem das Liebespaar bei der Segnung durch Bruder Laurent (bassmächtig: Bogdan Talos) herumturnt. Ab und zu erlebt man auch einen Tosca-Sprung vom Gipfel herab. Ständig im Blickfeld ist eine Marienstatue, die aber letztlich nur dekorativ herumsteht. Oder wird mit dieser nüchternen Feststellung etwa ein symbolisch bedeutsamer Fingerzeig verkannt? Aber gut: in Italien wird Mariae Himmelfahrt stets ausgiebig gefeiert. Warum also keine Madonna? Auch Glühlämpchen kommen auf der Szene ausgiebig zum Einsatz. Und aus dem Orchestergraben pocht es mitunter leise. Soll der Rhythmus der großen Trommel (?) vielleicht Schläge des Herzens andeuten, und wenn, von wem? Die Regie gibt immer wieder Rätsel auf. Das Premierenpublikum delektierte sich an alledem erstaunlicherweise ohne Widerstand.

Bleibt nachzutragen, dass die Düsseldorfer Symphoniker unter David Crescenzi Gounods Musik farbenreich zum Klingen bringen. Bei den Sängern wäre Bogdan Baciu als Mercutio mit seinem markanten Bariton gebührlich hervorzuheben, ebenso sein Fachkollege Joseph Lim (Grégorio). Mit dem kurzen Auftritt des Herzog von Verona beeindruckt Sargis Bazhbeuk-Melikyan. Marta Márquez (Gertrude) und Richard Sveda (Paris) ergänzen das Ensemble unauffällig. Wirklich top der von Gerhard Michalski einstudierte Opernchor der Rheinoper.

Trotz musikalischer Höhenflüge lässt der Abend wegen seiner visuellen Abwegigkeiten einigermaßen unbefriedigt. Eine empfehlenswerte Besuchsalternative ist die Aachener Produktion vom Dezember 2018, die in einigen Vorstellungen noch bis Mai zu sehen ist.