Tristan und Isolde im Theater Hagen

Isolationshaft

Unfähig zu kommunizieren sind sie allesamt: Regisseur Jochen Biganzoli zeigt das Personal in Richard Wagners Tristan und Isolde völlig auf sich selbst bezogen. Da haben sich alle in ihre eigene Welt zurückgezogen, haben es sich dort bequem gemacht und kommen gar nicht auf die Idee auszubrechen und irgendeine Form von Miteinander zu suchen.

Für diese Isolation in separaten Welten hat Wolf Gutjahr eine Bühne geschaffen, die an manch Containeransammlung auf Hochseeschiffen erinnert. In den einzelnen Räumen sind sie isoliert: Isolde, Tristan, Brangäne, Marke und Kurwenal. Ganz autistisch haben sie sich dort eingesponnen wie in Kokons und visualisieren in den Zimmern ihre Gedankenwelten.

Tristan - ganz in Weiß - lebt in einer Umgebung mit gleißenden, metallischen Wänden. Er ist der Künstlertyp mit Pferdeschwanz und ziemlich narzisstisch veranlagt. Ein um das andere Mal begutachtet er mit Wohlgefallen seinen athletisch gebauten Körper und die definierten Muskelstränge, während Isolde eher die intellektuelle Grüblerin ist. Ihr Refugium wird von Tafeln eingerahmt, die sie mit ihren Gedanken bekritzelt. Das sind Gegensätze, die schon klar machen, warum es schwierig ist, sich die beiden als Liebespaar vorzustellen.

Brangäne hat eindeutig einen Ordnungswahn. Sie lebt in einem pedantisch aufgeräumten Büro. Irgendwann erträgt sie diese Umgebung aber nicht mehr, ergibt sich dem Alkohol und legt sich in eine Badewanne.

Auch König Marke ist Alkoholiker, versucht im ehelichen Schlafzimmer die Garderobe seiner verstorbenen Gattin wegzupacken und trinkt in tiefer Trauer noch ein Glas. Kurwenal - von Katharina Weissenborn in Kampfmontur gesteckt - klebt Portraits von Tristan und Isolde an die Wände seiner Kemenate, Bilder seiner Helden, die er beschützen will.

Mann, oh Mann, die Leute haben wirklich genug mit sich selbst zu tun. Kein Wunder, dass die nicht unbedingt mit anderen Menschen reden wollen. Und was ist dann mit der Liebesgeschichte? Den Dreh kriegt Jochen Biganzoli dann doch hin: Im zweiten Akt erscheinen Fotos von Tristan und Isolde im Raum des jeweils anderen und suggerieren Nähe. Das gelingt gut.

Biganzoli stellt in seiner Sicht auf Tristan und Isolde starke Profile der Handelnden zur Diskussion. Das ist spannend. Was fehlt, ist der Zauber, den die Liebesgeschichte von Tristan und Isolde ausmacht. Es fehlt jener Bestandteil, der intellektuell nicht fassbar ist, der aber zutiefst berührt. Der, von dem Isolde im „Liebestod“ singt: „unbewusst, höchste Lust“.

Toll singt das Ensemble in Hagen, das allerdings überwiegend aus Gästen besteht. Zoltán Nyári ist ein Tristan, dessen Kraftreserven schier unermesslich scheinen. Leise und doch stimmmächtig gestaltet Magdalena Anna Hofmann Isoldes Liebestod. Sie bleibt dem Rollenportrait nichts schuldig. Khatuna Mikaberidzes Brangäne ist eine treue Wächterin und ihr Mezzo lässt ihre Beunruhigung dunkel grundiert aufflackern. Wieland Satter beschwört tremoloreich das Herannahen des helfenden Schiffs. Dong-Won Seo hält sonor und edel leidend als König Marke die Fahne des hauseigenen Ensembles hoch. Das tut auch überzeugend der Herrenchor, den Wolfgang Müller-Salow perfekt vorbereitet hat.

Joseph Trafton beschwört die Wagner-Qualitäten des Philharmonischen Orchesters Hagen herauf. Das gelingt ihm fantastisch, denn sowohl überwältigende Klangmassen wie auch sanfte, fein ziselierte Passagen gelingen perfekt. Das Publikum ist hingerissen!