Aida im Bielefeld, Stadttheater

Zwischen zwei Welten

Visionen vom Tod für sich und die Menschen, die sie liebt, quälen die äthiopische Prinzessin. Überall um sich herum sieht sie sich als Unheilsbringerin und sehnt ihren eigenen Tod herbei. Das ist die Sicht, mit der Operndirektorin Nadja Loschky Verdis Aida betrachtet und die sie durchaus konsequent auf die Bühne des Theaters Bielefeld stellt.

Schon während der Ouvertüre sehen wir - und mit uns Aida - den gefolterten Feldherrn Radames, der erst am Ende der Oper dem Tod durch Einmauern übergeben werden wird. Eine weitere Vision zeigt, wie Aida ägyptische Knaben gebiert, die ihren Vater umbringen. Schnell wird klar, dass Aida zerrissen wird zwischen zwei Kulturen, zwischen der Liebe zu ihrem Vater und dem Feldherrn Radames. Eine Versöhnung kann es niemals geben. Und so wünscht sich Aida nichts mehr als den Tod.

Loschkys Inszenierung hat ihre Stärke in den entworfenen Bildern, die oft geradezu sogartig auf die Bühne ziehen. Wie in einer Scharade werden Seelenzustände dargestellt und manchmal fast albtraumhaft offengelegt. Das ist ein verblüffender Ansatz, der die Interaktionen der Figuren deutlich in den Hintergrund treten lässt. Denn die Bilder wirken perfekt.

Und diese Wirkung wird durch viele Komponenten sehr befördert. Ulrich Leitners Drehbühne kann immer wieder Visionen und Standbilder vor Augen führen und aus dem Vergessen mühelos ans Licht holen. Irina Spreckelmeyer steckt alle Ägypter in schwarze Kostüme. Todesboten sind sie allesamt - schwarze Krähen, die den Weg in den Untergang weisen. Spreckelmeyer tariert diese Kostüme fein aus, gestaltet sie vielfältig und fantasiereich: So ist Oberpriester Ramphis mit Bischofsmütze katholisch verortet, trägt aber zugleich auch den norddeutschem Kragen evangelischer Pastoren. Und seinen langen schwarzen Kaftan könnte man als Reminiszenz an die orthodoxe Kirche auffassen.

Viele intensiv wirkende Details runden das Bild einer Welt, die es Aida unmöglich macht, das Diesseits weiter zu ertragen. So wird der Pharao als sehr beleibter Mensch dargestellt, der lebenssatt und immer hungrig sich kaum bewegen kann und fremde Hände (lebendig und beweglich Kjell Brutscheidt, Yoshiaki Kimura und Lena Paetsch) und einen Sprecher (Yoshiaki Kimura) braucht.

Konsequent endet das Verweilen im trostlosen Hier für Aida. Sie schleicht zu ihrem Geliebten in seine steinerne Todeskammer und beschwört balsamisch sanft den Todesengel als Erlöser herauf. Loschky und ihrem Team gelingt eine in sich sehr geschlossene Aida mit überraschenden, stimmigen Bildern, die vollends überzeugen.

Das tun auch Chor und Extrachor des Theaters Bielefeld, die dank Hagen Enkes präziser Vorbereitung sowohl siegestrunkene Ägypter wie auch geknechtete Äthiopier mit großer Intensität darstellen können. Elena Schneider beschwört den Gott Ptah sehr orientalisch herauf. Kurz, aber eindringlich berichtet Lorin Wey als Bote vom Vordringen der Äthiopier.

Etwas hölzern (weil von der Regie so angelegt?) kommt Moon Soo Park als Priester Ramphis daher, während Yoshiaki Kimura als Sprecher des Königs sehr bestimmend und gravitätisch wirkt. Evgueniy Alexiev versucht als Amonasro mit beweglicher, raumgreifender Stimme einschmeichelnd seine Tochter zu beeinflussen.

Zwei starke Frauen lieben ihn: den Feldherrn Radames. Er ist das Objekt doppelter Begierde, auch wenn seine eigene Option auf Aida völlig klar ist. Arthur Shen schlüpft in diese schwierige Rolle, die er darstellerisch perfekt umsetzt, auch stimmtechnisch. Allein sein Timbre ist etwas gewöhnungsbedürftig und lässt den Silberstrahl vermissen. Stattdessen klingt sein Tenor mitunter leicht verhaucht und mit viel Luft ausgestattet.

Katja Starke ist eine im besten Sinne furchtbare Amneris. Kalt und stählern ist ihre Stimme, befehlsgewohnt. Unendlich rachsüchtig ist sie - und doch lässt sie Verletzbarkeit und Angst deutlich werden. Ein tolles Rollenportrait.

Das gelingt auch Elizabeth Llewellyn in der Titelrolle. Ihre Aida ist zuerst ängstlich, unsicher. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Vater und Geliebtem. Dann steigert sie sich in eine anrührende Todesgewissheit. Llewellyn meistert die Partie mit fein abgestuftem, bis hin zum großem Fortissimo aufblühenden Sopran.

Alexander Kalajdzic leitet die Bielefelder Philharmoniker und schafft zu Loschkys Bildern immer die richtige Stimmung: vom gewaltigem Aufbrausen bis zum leisen Verlöschen des Lebens in der Grabkammer. Die gnadenlose Akustik des Bielefelder Theaters macht aber leider auch kleine Ungenauigkeiten hörbar, von denen es im Orchester am Premierenabend einige gab.

Den in sich geschlossenen, tief beeindruckenden Theaterabend belohnte das Publikum mit viel Applaus.