Werther im Aachen, Theater

Abgeschmackt

Der Silvesterabend im Aachener Stadttheater steht unter keinem guten Stern. Tenor Soon-Wook Ka lässt sich als erkältet ansagen. Des besonderen Termins halber sei die Suche nach einem Einspringer für die Titelpartie erfolglos verlaufen. Ka habe sich daher trotz seines angeschlagenen Zustandes bereit erklärt, aufzutreten. Ohne tenorale Emphase und darstellerischen Volleinsatz offenbart sich freilich die szenische Dürftigkeit der Produktion.

Lediglich die Grundidee, nach der es sich bei Massenets „Drame lyrique“ um pures Kopfkino handelt, kann überzeugen. Werther ist Regisseur und Hauptdarsteller seiner Liebesgeschichte. Auf Imagination und Inszenierung kommt es ihm an. Die tatsächlichen Geschehen spielen für ihn eine - wenn überhaupt - untergeordnete Rolle. Spielleiterin Corinna von Rad äußert dazu im Programmheft kluge Gedanken, so über Werthers bewusste Auswahl einer unerreichbaren Geliebten, seinen Narzissmus sowie die Persönlichkeitsmerkmale eines Borderliners. Sichtbar wird davon auf der Bühne wenig, allenfalls in jene cinemascopemäßig projizierten Videos, in denen Luca Fois Nahaufnahmen der Titelfigur präsentiert, lassen sich diese Eigenschaften hineindeuten. Die Regie selbst aber erstickt in Konventionalität einerseits und sinnfreiem Aktionismus andererseits. Da formieren sich dann hübsche Grüppchen mit dem Amtmann und seiner Kinderschar unterm - auf dass die Idylle angekratzt werde - wiederholt umgestoßenen mickrigen Weihnachtsbaum. Werther darf sein Leben in den Armen Charlottes aushauchen. Selbst die Voraussetzung, dass hier die Titelfigur sich solche Sentimentalitäten lediglich einbildet, mindert das Abgeschmackte der Regie um kein Jota. Zum Ausgleich dürfen die Figuren sich immer einmal wieder in unmotivierten Zuckungen ergehen.

Steffi Wurster erübrigt für die Bühne ein stufenweise ansteigendes Podest aus hellem Holz in Baumarktästhetik. Stühle und ein Fenster zum Raum des Filmvorführers, als der wenig überraschend Werther selbst agiert, deuten viel eher als ein Kino einen Filmvorführsaal an, wie es ihn einmal in großen Behörden und Unternehmen gab. Auch hier also bewegt sich nicht allein der Titelfigur Imagination auf Sparflamme. Zu allem Überfluss katapultiert sie sich in einen treuherzig biedermeierlichen Kostümstreifen, den Sabine Blickenstorfer mit zeittypischer Mode ausstaffiert. Die Damen gar tragen ausladende Spitzenkragen.

Die musikalische Seite der Produktion tröstet bedingt. Jori Klomp motiviert den Kinder- und Jugendchor Aachen zu wackeren Leistungen. Mit seiner neuen Ersten Kapellmeisterin Yura Yang hat das Sinfonieorchester Aachen ein treffliches Los gezogen. Wenn etwas von der Atmosphäre zu spüren ist, aus der die Werke Massenets leben, dann in dem, was aus dem Graben steigt. Yang entlockt dem Klangkörper Nuancen und Valeurs samt einer gewisse Süße und Melancholie, ohne in Sentimentalität abzudriften. Die Kapellmeisterin baut der allzu treuherzigen Gefühligkeit ferner durch mit Verve ausmusizierte dramatische Attacken vor. Soon-Wook Ka schlägt sich darstellerisch einigermaßen durch den Abend. Wie der Tenor die Partie unter regulären Voraussetzungen vokal angehen würde, ist allenfalls zu ahnen. Fanny Lustaud bietet für Charlotte ihre satte Mittellage auf. Jelena Racic ist eine soubrettenhafte Sophie, Fabio Lesuisse ein schmalstimmiger Albert, Pawel Lawreszuk ein solider Amtmann.