Alcina im Duesseldorf Oper

Alcina verzaubert nicht

Jeder scheint in Ferienlaune zu sein im Reich der Zauberin Alcina. An der Bar werden Cocktails gemischt und Männer in Hawaii-Hemden umschwärmen die Herrscherin einer üppig begrünten Tropenwelt. Doch schnell wird klar, keinen der Männer hält es aus freien Stücken hier – Alcina hat sie mit ihrer Zauberkraft an diesen Ort gebunden. Für einen von ihnen, Ruggiero, aber naht Hilfe: Seine Verlobte Bradamante hat sich als Mann verkleidet Zugang verschafft und will ihn befreien. Eine Chance hat sie nur, weil sich Alcina wirklich in Ruggiero verliebt hat und dadurch angreifbar und verletzlich geworden ist.

Georg Friedrich Händel schuf seine Oper um die Zauberin Alcina fußend auf Homers Odyssee und der Begegnung des Titelheldin mit Kirke, die ihre Besucher in Tiere verwandelte. Das Erkennen wahrer Liebe und wie sich Menschen durch sie verändern, steht im Mittelpunkt der Handlung, die der Komponist mit einem Feuerwerk unverwechselbarer Arien illustriert. In Düsseldorf spürt die „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ Händels Partitur kundig nach. Sie bereitet unter Generalmusikdirektor Axel Kober dem singenden Ensemble einen formidablen Teppich, auf dem sich alle hörbar wohlfühlen und wie zum Dank ohne Ausnahme tolle Leistungen bringen. Das gilt für die Mitglieder des Opernstudios Maria Carla Pino Cury und Andrés Sulbarán als Oberto und Oronte wie auch Beniamin Pop als Melisso. Das gilt besonders für Einspringerin Shira Patchornik als Morgana, deren Hymnen an die Liebe leichtfüßig perlen und deren Enttäuschung über den Betrug an ihrer Liebe zu dem vermeintlichen Mann Bradamante über viel Ausdrucksstärke verfügt.

Wallis Giunta legt in die Bradamante die ganze Bandbreite ihres beweglichen Mezzos hinein, ist mal zutiefst verletzte, scheinbar Betrogene, mal tatkräftige Befreierin. Kraftvoll ist der Ruggiero Maria Kataevas. Völlig unangestrengt führt sie ihre Stimme von glutvoller Tiefe in leuchtende Höhen und durchlebt alle denkbaren Gefühlswelten. Jacquelyn Wagners Alcina ist eine dramatische Titelheldin. Wagner gibt ihr den Furor einer Floria Tosca und die tiefe Verzweiflung einer Violetta Valéry. Das ist ganz großes Kino.

Lotte de Beer legt in Christof Hetzers Südsee-Sehnsuchtsort den Augenmerk ganz auf das Schicksal Alcinas. Ihre Entwicklung steht im Mittelpunkt ihrer Inszenierung. Wir erleben, wie aus der fulminant glanzvoll Herrschenden eine gebrochene, einsame Frau wird. De Beer stellt ihr dazu jüngere, kraftvolle Alter Egos und eine einsame alte Frau an die Seite, die am Ende den Weg in die Einsamkeit weist. So recht will dieses Konzept aber nicht aufgehen. Es zündet und verfängt nicht wirklich.

Zu sehr konzentriert sich die Regie auf Alcina. Den anderen Figuren wird kaum ein Augenmerk gewidmet. Und da hilft auch alle gesangliche Perfektion nicht viel: Sie bleiben zu oft bloße Staffage, rücken selten ins Zentrum. Und sind letzten Ende mehr oder weniger schmückendes Beiwerk – wie die Kostüme der fünfziger Jahre, mit denen Jorine van Beek Alcina wie eine verführerische Ava Gardner in Szene setzt. Der tiefere Sinn erschließt sich einfach nicht und lässt diese Produktion eher belanglos erscheinen. Ihren stärksten Moment hat sie sicherlich, wenn Jacquelyn Wagner einsam auf fast leerer Bühne, hingestreckt auf einem schäbigen Sofa, zutiefst berührend ihrer verlorenen Liebe nachtrauert: „Mi restano la lagrime“. Und so hallt ein musikalisch fast perfekter Abend nicht wirklich nach und fällt schnell der Vergessenheit anheim. Das Premierenpublikum spendet viel Applaus für alle Beteiligten.