Zar und Zimmermann im Theater Hagen

Hollandbutter auf Gummibärchen

Gute Hollandbutter streicht sich zart“, trällerte es einst in einer Fernsehwerbung aus den 1970er Jahren. Die eingängige Melodie aus Albert Lortzings Oper Zar und Zimmermann kam den Marketingstrategen wohl auch deshalb gelegen, weil die Verwechslungskomödie um den russischen Zaren Peter I. – später der Große genannt – im holländischen Saardam spielt. Dort will der Regent heimlich Kompetenzen im Schiffsbau erwerben, getarnt als gewöhnlicher Zimmermann namens Peter Michailow.

Freilich hat sich noch ein weiterer Russe als Geselle verdingt: Es ist der Deserteur Peter Iwanow, der sich in die Nichte des Bürgermeisters van Bett verliebt hat. Mit van Bett als Figur eines ebenso eitlen wie einfältigen Selbstdarstellers hat Albert Lortzing nach eigener Einschätzung die beste Bass-Bufforolle seiner Zeit geschaffen. Am Theater Hagen wird aus dem lächerlichen Bürgermeister ein Wiedergänger von Donald Trump, der auch ohne orangefarbene Haartolle leicht an seiner Brachial-Rhetorik und seinem so genannten Politikstil zu erkennen ist. Garniert wird dieser Typus eines skrupellosen Machtmenschen mit ein paar Anti-EU-Parolen von Boris Johnson.

Doch stimmen die Aktualisierungsversuche von Regisseur Holger Potocki eher verdrießlich als heiter. Ist man dieser Visagen, dieser Polemik nicht schon aus den täglichen Nachrichten müde bis zum Überdruss? Lortzing ließ sich bewusst nicht auf politische Konkretisierungen ein: Anders als in der Schauspiel-Vorlage, einem Lustspiel von Georg Christian Römer, ist die Problematik eines absolutistischen Herrschers in Zar und Zimmermannkaum mehr vorhanden. Indem Potocki dieser wieder Gewicht verleiht erweist er dem Stück einen Bärendienst.

So fällt dem Bassisten Markus Jaursch als Bürgermeister van Bett die Hauptrolle zu. Ein Vorwurf ist Jaursch dafür wirklich nicht zu machen: Der Sänger zieht weiß Gott alle Register seiner stimmlichen und komödiantischen Möglichkeiten, um den „Unsymph“ nach Kräften sein Unwesen treiben zu lassen. Gleichwohl liegt der Verdacht einer Verlegenheitslösung in der Luft, weil die beiden Peter erheblich weniger Bühnenpräsenz entwickeln.

Die arbeiten hier nicht auf einer Schiffswerft, sondern in einem Start-up-Unternehmen für Militärschiffe und Kriegs-U-Boote. Nicht Zar und Zimmermann, sondern Präsidentensohn und IT-Ingenieur müsste das Stück heißen, das Potocki in Hagen auf die Bühne bringt. In Anlehnung an die Vita des nordkoreanischen Potentaten Kim Jong Un, der in der Schweiz ausgebildet wurde, soll Peter Michailow in Holland als Nachfolger des russischen Präsidenten aufgebaut werden.

Indessen entwickelt der amerikanische Bariton Kenneth Mattice in dieser Rolle nur wenig Charakter und stimmliches Gewicht. Auch Richard van Gemert ist als falscher Peter seltsam unbestimmt gezeichnet. Hin und her schwankend zwischen der Furcht vor Entdeckung und der Eifersucht auf Marie, wirkt er die meiste Zeit wie ein ratloser Teddybär.

Mit der Nichte des Bürgermeisters weiß die Regie ebenfalls wenig anzufangen: Die Sopranistin Marie-Pierre Roy muss sie als kokett trällerndes, neureiches Blondchen geben. Den Wechsel zwischen gesprochenen Dialogen und Musiknummern bewältigt das Ensemble indessen gut. Als passabler Running-Gag mag auch durchgehen, dass Aktivisten vom sogenannten „Kommando ZimmAmann“ immer wieder versuchen, van Betts Wahlkampf zu durchkreuzen.

Pluspunkte sammelt die Produktion durch das Philharmonische Orchester Hagen, das den Witz von Lortzings Partitur unter der Leitung von Rodrigo Tomillo gekonnt ausspielt. Die Musiker stimmen einen leichten Tonfall an, der den Buffo-Charakter der Oper unterstreicht und in den besten Momenten an die Spritzigkeit des genialen Rossini heran reicht. Bei aller Melodieseligkeit ist diese Musik niemals platt: Mitten in die selbstverliebten Arien des van Bett setzt das Orchester ironische Akzente. Da blökt das Fagott in tiefster Lage dazwischen, als wolle es den Schafskopf beim Namen rufen.

Leider ist die vielleicht größte Scheußlichkeit des Abends damit noch nicht erwähnt: die quietschbunte Bürowelt mit Sitzbällen, in der die Mitarbeiter von „Brown Industries“ arbeiten müssen. Lena Brexendorff hat Elemente aus Stabröhren auf eine Drehbühne montiert. Ausgeleuchtet in neongrün, orange und violett wirkt dieses Setting, als seien wir auf LSD in eine Orgelführung geraten. Die Mitarbeiter erhöhen ihr Kreativ-Potential durch Partys, bei denen der als DJ getarnte französische Gesandte Chateauneuf (Musa Nkuna) auflegen darf. Der von Wolfgang Müller-Salow einstudierte Chor ist stimmlich gut aufgelegt, muss im Takt der Musik aber rhythmisch herumhampeln, bis es nicht mehr zum Hinsehen ist.

Ob gute Hollandbutter sich auch heute noch zart streicht, entzieht sich unserer Kenntnis. Sie auf Gummibärchen zu schmieren, scheint jedenfalls nicht empfehlenswert.