The Turn of the Screw im Theater Hagen

Gruseleffekte durch kalte Lichterstäbe

Horizontale, vom Schnürboden aus steuerbare Leuchtstoffröhren strukturieren die Bühne. Sie leuchten kalt und das Licht teilt die Bühne. Daneben gibt es Taschenlampen, die punktgenau auf die handelnden Figuren zeigen. Diese Bestrahlung zwingt dazu, Gefühle zu offenbaren - ein Outing im besten Sinne. Und die Taschenlampen sind eine Lichtfolter. Denn deren Objekte haben ihr Gefühlsleben sehr lange unter dem Scheffel gehalten. Und die Taschenlampen fordern obsessiv: Jetzt soll die Wahrheit ans Licht kommen.

The Turn of the Screw von Benjamin Britten steht auf der Bühne des Theaters Hagen und Regisseur Jochen Biganzoli und Ausstatter Wolf Gutjahr sorgen ebenso wie die handelnden Personen dafür, dass die zweite Live-Premiere der Saison (nach Donizettis „Liebestrank“) zum großen Ereignis werden sollte.

Brittens Oper eignet sich zur „Corona-Oper“, da das Orchester lediglich aus dreizehn Personen besteht und allzu große Nähe zwischen dem Bühnenpersonal nicht notwendig ist.

The Turn of the Screw beruht auf einer späten Gothic Novel von Henry James, in der das gruselige Geschehen allerdings auf Kindesmissbrauch beruhen könnte. Eine Gothic Novel also, die Konkretes durchaus möglich scheinen lässt. Die auch die im neunzehnten Jahrhundert oft beschworene Frauen-„Hysterie“ der Gouvernante möglich scheinen lässt.

Aber Biganzoli entscheidet sich nicht für eine Deutung, lässt alles offen im Geschehen zwischen Dunkelheit und Leuchtstoffröhren - und hat so recht damit. Eine Festlegung auf eine der vielen Deutungsvarianten wäre viel zu „erhellend“ gewesen. Das Spiel zwischen Hell und Dunkel macht das Wesen aus von Brittens Oper. Biganzoli und Gutjahr nutzen dieses Spiel. Durch die Taschenlampen kreieren sie noch eine weitere Bedeutungsebene. So zwingt Regisseur Biganzoli die Zuhörer*innen zu einer größtmöglichen Auseinandersetzung mit dem Stoff. Keine leichte Kost für eine kurze Oper - aber in jeder Minute ein packendes Ereignis. Licht als mitnehmendes, zentrales Element - das wird konsequent in jeder Minute umgesetzt!

Dazu machen das auch die Akteur*innen auf der Bühne und im Graben, die alle miteinander auf hohem Niveau beitragen zu diesem ergreifenden Opernabend. Joseph Trafton und seine Musiker*innen des Orchesters beschworen jeden Moment der Spannung schon fast genüsslich herauf und ließen ihr Publikum - ebenso lang auskostend - in entspannende Phasen gleiten. Das ist „Hitchcock-verdächtig“!

Und auch das singende Personal verbreitete durchweg großartige Zwielichtatmosphäre und ließ am gruseligen Bühnengeschehen keinen Zweifel aufkommen. Penny Sofroniadou bleibt als Geistergouvernante Miss Jessel geboten schemenhaft zurückhaltend, während Anton Kuzenok zugleich unglaublich betörend und gemein verlockend seine werbenden Rufe dem Knaben Miles entgegen schickt. Maria Markina ist eine besorgte und manchmal dennoch entschieden auftretende Haushälterin Mrs Grose.

Melissa Droste als Flora schlägt sicher den Bogen vom lieben Mädchen zum von Geistern besessenen Kind, während Siegfried Berg großartig den Miles interpretiert, der sowohl ein missbrauchter Knabe sein kann als auch ein Stephen-King-Geist. Angela Davis als Gouvernante entwickelt eine harmlose Berufsanfängerin, die völlig zurückgenommen agiert, zur viktorianisch bürgerlichen Dame, die weiß, was sie will. Sie lässt ihre Stimme mühelos diesen Spagat bewältigen.

Dem Theater Hagen gelingt ein Anfang in die bald ja schon wieder zu Ende gehenden Saison, bei dem man aufhorcht. Und der für den nächsten Start in eine neue Saison Großes erwarten lässt.