Der Mann der sich Beethoven nannte im Theater Gütersloh

Ruinenlandschaft mit Orchester

Das Theater Gütersloh, eigentlich ein Bespielhaus mit freilich qualitativ hochkarätigem Programm, profiliert sich immer wieder durch Eigen- und Koproduktionen. So auch im Fall von „Der Mann der sich Beethoven nannte“, zu dessen Uraufführung die für Avantgardistisches bekannte Neuköllner Oper aus Berlin das ostwestfälische Haus als Koproduktionspartner gewinnen konnte. Prominentester Name auf der Autorenliste der Novität ist der des Dramatikers Moritz Rinke, doch steuerte auch Regisseur Mathias Schönsee zum Text bei. Die Komposition ist ein kollektives Werk auf der Basis Beethovenscher Musik, zu dem sich die musikalische Leiterin der Produktion Cymin Samawatie, Ketan Bhatti, Niko Meinhold und das transkulturelle Trickster Orchestra vereinten. Das zwischen Sprech- und Musiktheater changierende Stück war zum Beethovenjahr 2020 vorgesehen, wurde aber aus Pandemiegründen erst im vergangenen Dezember uraufgeführt.

Die Handlung: Worauf einst Pierre Boulez hoffte - die Opernhäuser in die Luft gesprengt zu sehen - leisten mit ähnlich zerstörerischem Effekt Meteoriteneinschläge, die weder die Tempel des Gesangs noch die prominentesten Konzerthäuser dieser Welt verschonen. Immerhin gelingt den Künstlern die Flucht ins Freie. Weil sie ohnehin allein Kunst im Sinn haben, setzen sie ihre Proben unter freiem Himmel fort. Nicht anders die Berliner Philharmoniker. Noch immer wird der Klangkörper von einem alten weißen Mann, der im Stück lediglich unter „Maestro“ firmiert, als Pultdompteur unter der Knute gehalten. Besonders herzlos setzt er der eigenen Stieftochter Clara zu, einer der philharmonischen Bratschistinnen. Unklar bleibt, ob den Pultstar eher deren Weltverbessererinnenattitüde ärgert oder die Wahl des Instruments. Tröstlich immerhin, dass sich Rinke auf einen einzigen der Myriaden Bratschistenwitze beschränkt. Innert anderthalb Stunden wäre sonst kaum möglich, sämtliche Klischees, die sich mit dirigentischen Despoten alter Schule, der Beamtenmentalität von Orchestermusikern und der Kommerzialisierung von Kunst verbinden, bisweilen amüsant und zur Nachdenklichkeit stimmend mindestens anzureißen. Wie gut aber, dass es die aus dem Nichts aufgetauchte grundsympathische Titelfigur gibt, für die offenbar Alfred Polgars und Egon Friedells kabarettistisches Miniaturstück „Goethe im Examen“ vom Beginn des vorletzten Jahrhunderts Pate gestanden hat. Rinke versieht seinen Beethoven zudem mit Feuer, Humanität und einer ausgesprochenen Neigung zur Bratschistin.

Regisseur Mathias Schönsee sorgt immer einmal wieder für beinahe opernhafte Arrangements. Rebecca Raues Bühne verweist weniger auf einen Park als auf mit Tarnfarben bepinseltes militärisches Übungsterrain. Parodistisch figuriert das kammermusikalisch besetzte Trickster Orchestra als Berliner Philharmoniker, auf deren Programm die von Künstlicher Intelligenz unter dem Namen Beethovens eher errechnete denn komponierte 10. Symphonie steht. Wirklich hören lässt das Trickster Orchestra populäre Fetzen aus der 5. und 9., Mondscheinsonate und Fidelio in von Orientalischem und Asiatischem inspirierter Anverwandlung. Lustvoll und wild gestikulierend dekonstruiert die Komposition Beethovens Musik, ohne sich gänzlich von ihr zu entfernen. Cymin Samawatie musiziert mit den Trickstern Aplomb, Pointen und unvermutete Wendungen genussvoll aus. Gesungen wird viel zu wenig, dann aber für Schauspieler recht annehmbar. Der Titelfigur verleiht Christian Kerepeszki wechselnd Menschheits- und Kunstpathos, verschmitzten Charme und Zartgefühl. Hansa Czypionka gibt dem Maestro alles, wessen der alte weiße Mann als Pulttyrann bedarf. Einspringerin Claudia Renner trägt Claras Forderungen nach Weltverbesserung beinahe glaubhafter und nachvollziehbarer vor, als Rinkes Text dies zulässt. Gewinnend ihre angenehme Musicalstimme.