Herzog Blaubarts Burg / Der wunderbare Mandarin im Theater Hagen

Seelenabgründe und Großstadtleben

Prostitution, Ausbeutung von Frauen und Bereicherung waren die Themen, die Béla Bartók in seiner Tanzpantomime Der wunderbare Mandarin aufgriff. Das schien dem damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer allzu anstößig. Kurzerhand ließ er direkt nach der Uraufführung 1923 weitere Aufführungen verbieten. Deshalb schuf der Komponist eine Orchestersuite, die dem Wunderbaren Mandarin einen Platz im Konzert-Repertoire sichert.

Am Theater Hagen wendet sich Kevin O’Day der ursprünglichen Form zu und transportiert mit dem Ballett Hagen Bartóks Werk in die Gegenwart. Er zeigt die Härte modernen Großstadtlebens. Zarte Pflänzchen von Annäherung werden unbarmherzig zerstört. Bilder von Brutalität und Kompromisslosigkeit gelingen O’Day vor allem deshalb so gut, weil er Figuren entindividualisiert, indem er sie mehrfach zeigt und so Kraft und Härte vervielfacht. Die Mitglieder der Hagener Compagnie beherrschen die verschiedenen Spielarten kleiner Teile eines großen Ganzen perfekt und sind deshalb in toto ein stimmiges Bild des Molochs Großstadt.

Kombiniert wird Der wunderbare Mandarin mit Bartóks Operneinakter Herzog Blaubarts Burg. Intendant Francis Hüsers zeigt den mehrfachen Frauenmörder Blaubart hinter Gittern in einer Zelle, wo er auf eine Psychologin/Anwältin namens Judith trifft. Gemeinsam gehen sie auf die Reise durch Blaubarts Wesen, erkunden die verschlossenen Kammern und kommen sich dabei (gefährlich) nahe. Das Ganze ähnelt dem Setting des Schweigens der Lämmer. Auch deshalb gelingt Hüsers eine schlüssige Deutung, die nur von allzu plakativen Video-Einspielungen von Bergen und Wasserläufen ein wenig getrübt wird.

Dorottya Láng ist eine ausdrucksstarke Judith, die eine breite Gefühlsklaviatur bedient und viel von ihrer Seele preisgibt - wahrscheinlich mehr als sie will. Dong-Won Seos Bass ist zunächst grob und ungeschlacht. Später öffnet er mit feinen, leisen Tönen immer weiter seine Seele und zeigt Verletzlichkeit. Am Ende bleibt für beide Wehmut und Einsamkeit.

Joseph Trafton und das Philharmonische Orchester Hagen bilden für beide Teile des Abends ein großartiges Fundament und glänzen in Herzog Blaubarts Burg mit lang ausgekosteten Sehnsuchtsmomenten, im Wunderbaren Mandarin mit knackigen, leuchtenden Bläserpassagen. Dem Theater Hagen gelingt ein fein austarierter Doppelabend.