Rückkehr zu den Sternen im Schauspielhaus Düsseldorf

Einfach nur schön?

Im Düsseldorfer Schauspielhaus, einem Entwurf aus den 60erJahren, sollen wir uns in einer „Weltraumoper“ zurückträumen in eben diese Zeit - so wünschen es sich Bonn Park (Autor und Regisseur) und Ben Roessler (Komponist). Acht Wochen nur hatten sie Zeit, eine Serie zu erfinden „die es nicht gibt, die aber in unseren Köpfen existiert und wahrscheinlich achtzehn Staffeln umfasst,“ in die sie „irgendwo mittendrin reinschalten, in die sechste Staffel etwa“, so Bonn Park im Interview. Doch nicht die real existierende Welt der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts inspirierte die Künstler, sondern die damals über die Bildschirme und Kinowände flimmernde Science-Fiction-Welt des Weltraumabenteuers „Star Trek“ (in Deutschland unter dem Titel „Raumschiff Enterprise“). Ihr Schöpfer, Gene Roddenberry, der als Bomberpilot zuvor die reale Welt zerstören musste, schuf in diesem Zukunftsszenario die fantastische Utopie eines Weltalls, wo mit sanfter Stimme die größten Probleme des Universums verhandelt werden und wo sich alle Gefahren und Konflikte letztlich durch Besonnenheit und Zuversicht meistern lassen.

Ob die Düsseldorfer Uraufführung Rückkehr zu den Sternen diesen Geist von Humanität und allumfassendem Verständnis tatsächlich aufnehmen und als Oper darbieten kann, bleibt fraglich. Schon die zarten Harfen – und Flötentöne, die aus dem Orchestergraben erklingen, stimmen weit weniger in die sechziger oder siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein, als in die gefühlvoll-spätromantische Zeit des 19. Jahrhunderts. Da glaubt man Klanggemälde von Debussy oder auch Anklänge an Gustav Holsts „Die Planeten“ aus dem Jahr 1916 zu erkennen. Später dann erinnern zwischen der klassischen Instrumentalmusik auch Partien an den Sound der Originalserie „Star Trek“. Das alles komponiert Ben Roessler zu einer freundlichen Weltraummusik zusammen, die von zwölf Studierenden der Robert-Schumann-Hochschule eingespielt wird.

Bevor sich der schwere rote Samtvorhang öffnet, tritt der Science Officer Melitta in Star-Trek-Outfit an die Rampe und verkündet singend: „Es gibt so viele neue Welten, ich will dir alle meine Liebe schenken. Heute bin ich Raumpilot.“ Später erfahren wir dann allerdings, dass sie/er ein Wesen ist, das weder Gefühle noch Geschmack empfinden kann. Als man es zu heilen versucht, entlädt sich nur eine brutale Schimpfkanonade, die schnellstens wieder abgestellt wird. (Überzeugend: Rosa Enskat)

Dann: Bühne frei: Nebel steigt auf und man ist auf der Brücke des Raumschiffs U.S.S. Wassong, das im 23. Jahrhundert mit seiner fünfköpfigen Besatzung auf Entdeckungsreise durchs All schwebt. Soeben ist wohl ein Angriff überstanden, es wird aufgeräumt und von nun an gibt’s keinen Schuss und kein lautes Wort mehr. Captain Jean Luc Yesilyurt (souverän: Serkan Kaya) erteilt seine Kommandos höflich und alle folgen bereitwillig. Sie tragen fantasievolle Kostüme, entworfen von Leonie Falke: ein bisschen Enterprise, ein bisschen Retrofuturismus – wie die gesamte Ausstattung von Julia Nussbaum und Jana Wassong (die dem Raumschiff ihren Namen leiht). Wir erfahren, dass diese Lebewesen Hunderte von Jahren alt werden können, wenn sie nicht wegen irgendeiner Falschmeldung „explodieren“.

Doch das gilt wohl nicht für den First Officer William T. Ortiz (namensgleich mit der Dramaturgin Janine Ortiz), der/die - zart und zerbrechlich, von fahl-türkiser Hautfarbe - sich elend fühlt und sterben möchte (wunderbar sensibel gegeben von Lea Ruckpaul). Es dauert nicht lange, bis wir erfahren, dass T. Ortiz zu einer anderen Gruppe Aliens gehört, den Eis-Wesen, die nur vierzig Jahre alt werden und sich dann zurück ins Babyalter entwickeln. Ein opulentes Eisbergszenario gibt den Hintergrund für den Auftritt dieser türkis-häutigen Wesen in üppigen weißen Tüllgewändern. Auch sie sind friedlich, stellen ihre Waffen auf „lieb“ und die Tänzerinnen des „ tanzraum benrath“ schwirren über die angeblichen Eisflächen.

Die Endstation bildet die Begegnung mit den Quallenwesen, deren Ankunft mehrfach besorgt angekündigt wurde. Die Schlussszene zeigt die zu rührseligen Klängen friedlich zwischen Bühnenhimmel und Boden schwebenden Traumwesen: da schwappt dann doch der Retrofuturismus in Kitsch über.

Bevor das Publikum klatschen darf, tritt Doctor und Chief Engineer Beverly Nolte (würdevoll: Kilian Ponert mit spitzen, beweglichen Ohren) vor den Vorhang und mahnt die Zuschauer des einundzwanzigsten.Jahrhunderts (wohlgemerkt, aus dem Bewusstsein des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts): „Sorgen Sie sich nicht! Bleiben Sie hoffnungsvoll! Es wird alles wieder gut!“. Ein wohlgemeinter Zuspruch des Autors Bonn Park, der mit seiner Inszenierung „etwas Unaufgeregtes und Beruhigendes ausstrahlen“ will. In Zeiten von Corona, Klimawandel und Ukraine-Krieg – zumindest gut gemeint!

Der Großteil des Textes wird von den Schauspielern und Schauspielerinnen gesungen, sie alle haben keine Gesangsausbildung, so hat das Ganze eher den Charakter eines Musicals als einer Oper. Doch sei‘s drum, was mir wirklich fehlt, ist eine inhaltliche Orientierung, ein Hinterfragen der behaupteten Glückseligkeit. Am Ende „wird’s einfach nur schön“, so Bonn Park nach acht Wochen „work in progress“ mit dem gesamten Team und sehr viel „Handarbeit“. Die Zuschauerreaktion reichte von Begeisterung bis zu herber Kritik.