Der Freischütz im Theater Hagen

Häschen, hüpf!

Wir sind im Wald. Darüber lässt das Bühnenbild gar keine Zweifel. Dieser Wald ist irgendwie niedlich, Büsche und Bäume in Grasgrün. Alles sieht aus wie in einem Kinderbuch. Und richtig, spätestens als der Wald bevölkert wird von putzigen Häschen - die weiblichen mit Kleid und Schürze, die männlichen mit kurzen Hosen und karierten Hemden - ist die Verbindung da zu dem Kinderbuchklassiker „Die Häschenschule“ von Albert Sixtus mit Illustrationen von Fritz Koch-Gotha.

Stopp! Und nochmal zurück das Ganze: Wer im Hagener Publikum kennt dieses 1924 erschienene und inzwischen in die Jahre gekommene Kinderbuch noch? Vielleicht die Eltern oder Großeltern der Premierenbesucher*innen, die Webers Der Freischütz besuchen. Deshalb ist ein Blick ins Programmheft vonnöten, um des Intendanten grundsätzliches Regiekonzept zu begreifen. Francis Hüsers nutzt das Kinderbuch, um die Situation der Bürgerschaft, die während der deutschen Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert künstlich dumm gehalten wurde, zu beleuchten. Das ist sicher ein berechtigter Zugang zu Webers Freischütz. Doch auch wenn der schöne Schein durch herabfallende Kulissen und dem Abhandenkommen des ein oder anderen Hasenohrs im Verlauf der Inszenierung destruiert wird, lässt Hüsers aufgrund seines Konzepts vor allem die psychologische Figurenausdeutung außen vor: Max‘ Versagensängste, Agathes Furcht, sich zu binden und Kaspars psychische Deformation spielen hier keine Rolle.

Es geht natürlich auch ohne psychologischen Blick. Denn ein Regiekonzept darf viel: Diskussionen entfachen, Bilder präsentieren, die nicht zu entschlüsseln sind und Unerhörtes wagen. Doch der Grundgedanke sollte sich Jeder und Jedem im Publikum erschließen, ohne eine „Bedienungsanleitung“ wie das Programmheft konsultieren zu müssen. Das ist in Hagen nicht der Fall. Und so könnten Zuschauer*innen auf die Idee kommen, gerade eine lustige Familienoper mit Happy-End erlebt zu haben. Das dürfte Hüsers Intention dann doch zuwider laufen.

Wolfgang Müller-Salows Chor erledigt seine Aufgabe weitgehend souverän, wenn auch die Herren beim Jägerchor ziemlich rustikal daher kommen. Die Brautjungfern singen „Wir winden dir den Jungfernkranz“ nicht immer ganz jugendlich-unschuldig, während Richard van Gemert den Kilian frech-herausfordernd gibt.

Oliver Weidinger ist der milde, besorgte Vater Agathes, der auch für Max nur das Beste im Sinn hat. Er versucht mit ebenmäßig timbrierter Stimme, Konflikte zu schlichten. Kenneth Mattice macht darstellerisch eine würdige Figur als Ottokar, wirkt aber stimmlich indisponiert: sein Bariton klingt, verglichen mit früheren Rollenportraits, eher fahl und eindimensional. Dong-Won Seo singt Samiel vom Publikumsraum aus. Unheimliches strahlt er da nicht aus. Umso balsamischer klingt er als Eremit, der um Verzeihung für Max und Nachsicht mit ihm bittet. Dorothea Brandts Ännchen ist quicklebendig, nutzt ihren biegsamen Sopran, um Stimmungsschwankungen und das Kippen einer Situation ins Ernste auszugleichen. Sie zu hören, ist eine wahre Freude. Insu Hwang singt den Jägergesellen Kaspar. Er verfügt über einen ganz tollen, ebenmäßigen Bariton, der einfach perfekten Hörgenuss bietet. Doch das Dämonische, das Zwiespältige seiner Figur bringt er nicht ganz herüber. Das mag aber Absicht gewesen sein, denn als unschuldiger Häschenschüler geht er natürlich allemal durch. Alexander Geller ist ein ungestümer Max, der „die Wälder und die Auen“ forsch durchschreitet. Manchmal jedoch forciert er zu heftig, hat aber sicher als Tenor eine erfolgreiche Zukunft vor sich. Und Agathe? Angela Davis liefert eine tief durchdrungene Rollenstudie, schafft es, Ängste, Hoffnung und Zuversicht gleichermaßen zu offenbaren. Mit fein gesetzten Tönen entfaltet sie das Bild einer Liebenden.

Rodrigo Tomillo und das Philharmonische Orchester Hagen nehmen sich des Freischütz‘ eher rustikal an. Das liegt weniger an einigen „Wacklern“. Vielmehr fehlt es an einer wirklichen Idee von der Partitur. Auch in bekannte Melodien wird nicht viel Einfallskraft investiert.

Hagens neuer Freischütz ist ein Abend, der den Besuch trotz einiger Abstriche lohnt und vom Publikum mit viel Beifall bedacht wird.