Billy Budd im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Toxische Männergesellschaft

Es bleiben die nagenden Selbstzweifel: Auch nach vielen Jahren ist dem jetzt alten Captain Vere noch nicht klar, ob er während des englisch-französischen Krieges seinen Matrosen Billy Budd nicht doch vor seiner Hinrichtung hätte retten sollen, können oder gar müssen. Darüber sinnt er in seiner ehemaligen Kajüte nach, die jetzt ein Museum ist, durch das Besucher strömen. Und schon wird der Kern von Michael Schulz‘ Deutung von Benjamin Brittens Oper Billy Budd deutlich: was ist Schuld? Verjährt sie? Kann man mit ihr leben?

Des alten Kapitäns Gedanken führen in die Vergangenheit, das Leben auf einem Kriegsschiff, für das Dirk Becker ein geräumiges Deck auf die Bühne stellt und im Rumpf das Mannschaftsquartier mit einfachen Pritschen ausgestattet. Es ist ein karges, hartes Miteinander, das Michael Schulz entfaltet - völlig ohne jegliche Privatsphäre.

Das stört Billy Budd überhaupt nicht. Obwohl zwangsrekrutiert, geht er seine Aufgaben auf der „Indomitable“, der „Unbesiegbaren“, mit Freude und Zuversicht an, voll des Glauben an die Fähigkeiten des Kapitäns und inbrünstiger Bewunderung für ihn. Und Budd ist beliebt bei seinen Mannschaftskameraden ob seines fröhlichen, mitfühlenden Wesens. Nur Waffenmeister Claggart mag ihn nicht. Er fühlt sich zu Budd hingezogen. Um seine Neigung zu verdrängen und von sich zu weisen, schlägt diese in gnadenlosen Hass um. Claggart beginnt einen brutalen Vernichtungsfeldzug, der letztlich nicht nur Billy, sondern auch ihm den Tod bringen wird.

Für Michael Schulz aber steht die Frage nach der Schuld im Mittelpunkt. Als Hintergrund entwirft er eine klaustrophobische Männergesellschaft, aus der es kein Entrinnen gibt. Schulz erweist sich einmal mehr als Meister, wenn es darum geht, Massen auf der Bühne zu bewegen. Überall auf Deck herrscht „Action“, aber die Bewegungen sind ritualisiert, mechanisch, dulden keine Ausbrüche und Überschreitungen. Und so erstaunt es nicht, dass Kapitän Vere, als er letztlich über die Hinrichtung Billy Budds entscheiden muss, sich trotz aller Zweifel für das eingefahrene Rechtssystem entscheidet und Budd in den Tod schickt. Als Begleiter für die Protagonisten hat Schulz drei Wesen erfunden, die ihnen Ansprechpartner und Trost in der Einsamkeit sein sollen - poetisches Beiwerk, das vor allem optische Wirkung erzielt.

Herren-und Projektchor des Musiktheaters im Revier unter Alexander Eberle leisten Vortreffliches - darstellerisch wie stimmlich, sind stets hellwach und dominieren das Leben an Bord. Wie immer gibt es in Gelsenkirchen auch bei den kleineren Rollen gar nichts zu beanstanden. Das ist ein Zeichen für die großartige Ensemblearbeit, die dort vorherrscht.

Michael Tews‘ Claggart ist rau, brutal und fordernd und stets darauf bedacht, seine wahren Gefühle zu verbergen. Tews verkörpert den brüchigen Charakter hervorragend. Billy Budd ist bei Dominik Köninger in den besten Händen. Sonnig, voller Hingabe, manchmal am Rande der Naivität kommt er herüber, reißt Wolkenlücken in das düstere Seegemälde. Kraftvoll singt Martin Homrich den Vere. Ohne Zögern befiehlt er die Vorbereitung einer Schlacht, ist aber doch sehr sensibel und kann sich nicht von Schuldgefühlen befreien.

Rasmus Baumann und die Neue Philharmonie Westfalen malen tosende Klanggemälde und sind zugleich höchst sensible Begleiter der Gespräche der Handelnden.