Tri Sestry im Theater Hagen

Keine Aussicht auf Veränderung

Wenige zeitgenössische Opern haben es geschafft, nach ihrer Uraufführung dauerhaft Eingang ins Repertoire zu finden. Peter Eötvös‘ Tri Sestry bildet eine Ausnahme: im Jahr 1998 kam das knapp zweistündige Werk an der Opéra National in Lyon heraus, seitdem ist es etliche Male inszeniert worden, nun auch im Theater Hagen.

Irina, Mascha und Olga - drei Schwestern, die ihr Dasein irgendwo in der russischen Provinz in irgendeiner Garnisonsstadt fristen. Drei Schwestern, die letztendlich frustriert sind von ihrem Leben und dessen Einerlei. Und die nichts sehnlicher herbeiwünschen als wieder zurückzukehren nach Moskau, in die Stadt ihrer Kindheit. Dieser Wunsch indes bleibt unerfüllt, die Vorstellung von einem glücklichen Leben in der Hauptstadt wird nie Realität. Und so hören wir in Peter Eötvös‘ Oper Tre Sestry die Klagen der Schwestern, bekommen eine Ahnung von deren Träumen, gespeist aus der verklärten Vergangenheit und in die Zukunft hinein projiziert.

Basis der „Oper in drei Sequenzen“ ist Anton Tschechows Schauspiel, 1901 in Moskau uraufgeführt. Und so viel in diesem Schauspiel gesprochen wird, wird auch in Eötvös‘ Oper viel gesungen. Allein: Kommunikation findet eigentlich nicht statt! Weil schlicht und einfach viel aneinander vorbei geredet resp. gesungen wird. Das unterstreicht auch die Inszenierung, die Friederike Blum in Hagen zur Diskussion stellt.

Die Situation der drei Schwestern wird drei Mal erzählt - aus je unterschiedlicher Sicht. Da ist die etwas görenhafte Irina, die sich eher widerwillig mit Baron Tusenbach verlobt, bevor dieser einem Duell zum Opfer fällt. Auch Olga hat wenig Glück mit den Männern, allerdings deshalb, weil sie sich mit ihrem Sinn für Ordnung, ihres eher spröden Charakters wegen und aus Mangel an wirklichen Träumen selbst im Wege steht. Dann ist da noch Andrej, der Bruder von Olga, Mascha und Irina - dem Alkohol verfallen und das willkommene Opfer seiner ziemlich prolligen Frau Natascha, die die zweite der drei Szenen dominiert. Andrej ist ein echter Looser, bleibt er doch stets hinter den in ihn gesetzten Erwartungen seiner Schwestern weit zurück.

Friederike Blum stellt prägnant gezeichnete Typen auf die von Tassilo Tesche gebaute Bühne, die im Hintergrund von einer meterhohen, leicht nach vorn gewölbten Spiegelfläche begrenzt wird und fast die gesamte Bühnenbreite einnimmt: hier, in diesem Lebensraum, bleibt nichts verborgen, alles liegt sichtbar offen. Auch in der so facettenreichen Musik von Peter Eötvös, die von rezitativhaft angelegten Abschnitten über ariose Phrasen bis hin zu opulentem Orchestersound reicht. Eine beredte Klangsprache! Eötvös verlangt gleich zwei Ensembles: im Graben sitzt das 18köpfige „Ensemble Musikfabrik“, im hinteren Bereich vor der Spiegelwand das Philharmonische Orchester Hagen mit umfangreichem Schlagzeug-Apparat und Keyboard. Joseph Trafton und Taepyeong Kwak koordinieren vom Dirigentenpult aus Orchester und Stimmen - immerhin 13 Solistinnen und Solisten agieren auf dem Podium, und dies auf durchweg hoch professionellem Niveau (gesungen wird auf russisch mit deutschen Übertiteln!) Dem Publikum wird viel Konzentration abverlangt, bekommt dafür aber eine Inszenierung, die intensiv hineinleuchtet in gescheiterte Hoffnungen, die vergebliche Suche nach Glück, letztendlich in menschliche Tragödien.

Peter Eötvös war zu Gast bei der 1. Repertoirevorstellung am 1. April im Theater Hagen und zeigte sich von der Inszenierung und den künstlerischen Leistungen sämtlicher Mitwirkender hoch zufrieden.