Don Giovanni im Theater Hagen

Auf der Straße nach Nirgendwo

Mit vielen Großen des Regiefachs hat Angela Denoke im Lauf ihrer internationalen Gesangskarriere zusammengearbeitet: mit Peter Konwitschny, Christoph Marthaler, Hans Neuenfels, Willy Decker, Johannes Schaaf, Nikolaus Lehnhoff. Ihren Wunsch, selbst auf diesem Gebiet tätig zu werden, setzt die norddeutsche Sopranistin seit einiger Zeit in die Tat um. In Ulm, wo ihre Karriere begann, gab sie im Herbst 2021 ihr Regiedebüt mit Leoš Janá?eks „Katja Kabanova“. Danach folgten „Salome“ und „Macbeth“.

Ihre vierte und jüngste Inszenierung ist jetzt im Theater Hagen zu erleben. In Mozarts Don Giovanni, dem berühmtesten Schürzenjäger der Opernbühne, erkennt sie laut Programmheft Züge eines Manisch-Depressiven: eines Getriebenen, der zwischen seinen vielen Eroberungen immer wieder in seelische Tiefs fällt. Eine Sichtweise, die sich auf der Bühne schwer darstellen lässt. Spätestens seit dem Fall des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz dürfte bekannt sein, wie wenig jemandem eine psychische Erkrankung anzusehen ist.

Denokes Ansatz führt in die Welt der Anzugträger. Der Bariton Insu Hwang sieht in der Titelpartie aus wie die koreanische Variante von Karl Theodor zu Guttenberg. Äußerlich ist er kaum von seinem Diener Leporello (Beniamin Pop) zu unterscheiden. Beide klettern aus einem Cadillac, der offenbar von einer Landstraße abgekommen und vor einen Baum gekracht ist. Das Einheitsbühnenbild macht von Beginn an deutlich, dass hier einer auf Crashkurs ist, die Geschichte mithin kein gutes Ende nimmt. Wie und warum sich nach und nach alle Figuren auf dieser Straße einfinden, die schräg über die Bühne verläuft, bleibt so unergründlich wie der Dauernebel im Bühnenhintergrund, in den hinein sich die Fahrspur verliert.

Die so dargestellte Leere mag eine innere sein, aber sie färbt ungünstig auf die Inszenierung ab. Warum Frauen wie Donna Anna und Donna Elvira so auf diesen Don Giovanni fliegen, warum auch Zerlina größte Mühe hat, seinen Avancen zu widerstehen, wird nicht verständlich. Masetto (Kenneth Mattice) wirkt viel wirklicher und männlich-kraftvoller als der Titelheld. Er gehört zu den wenigen Figuren, die an diesem Abend Blut und Leben gewinnen. Es fehlt der turbulente Spaß, der Mozart auf der Opernbühne zum Vergnügen macht. Alles ist nahezu todernst, die sprühende Champagner-Arie verpufft, und das Liebes-Ständchen „Deh vieni alla finestra“, für das Don Giovanni und Leporello zuvor ihre Jacketts tauschen, bleibt eine düstere Angelegenheit.

Wer nach musikalischer Kompensation sucht, findet viel Durchschnitt. In der besuchten Vorstellung entsprechen die Gesangsleistungen der blassen Personenzeichnung: Sie sind solide, aber weitgehend glanzfrei. Die wenigen farbkräftigeren Akzente kommen von Kenneth Mattice als eifersüchtiger, in seiner Männlichkeit gekränkter Masetto und von Anton Kuzenok, der dem in vielen Inszenierungen langweiligen Don Ottavio ein wenig Tamino-Schmelz mitgibt.

Der Rest des Ensembles scheint sich in den jeweiligen Partien bestenfalls halbwohl zu fühlen. Insu Hwang gibt Don Giovanni wenig Kraft und Kontur, was freilich auch dem Ansatz der Regie geschuldet sein mag. Da hat Machismo einfach keinen Platz. Beniamin Pop (Leporello) bleibt stimmlich unstet, Angela Davis (Elvira) könnte als Rachefurie manchmal mehr Schwung und Feuer entwickeln, Donna Anna (Netta Or) ist oft bebend dramatisch, zeigt aber wenig jugendliche Farben. Der Komtur spukt nicht als steinerner Gast, sondern als Unfallopfer mit Kopfbandage durch die Szene. Dong-Won Seo versucht nicht ohne Anstrengung, ihm Bass-Gewalt zu geben.

Auch im Philharmonischen Orchester Hagen will der Funke an diesem Abend nicht recht zünden. Nach den krachenden Moll-Akkorden des Beginns dümpelt die Partitur unter der Leitung von Joseph Trafton recht unscheinbar dahin. Dass die Tempi zuweilen etwas unflott sind, kann verschmerzt werden, aber warum bleibt der Festklang im Finale so stumpf? Im Schlussensemble „Questo è il fin di chi fa mal“ („So geht’s dem, der Böses tut“) ziehen sich alle Figuren bis auf die Unterwäsche aus. Will die Regie sie womöglich zur Kenntlichkeit entkleiden? Ratlosigkeit macht sich breit. Am Ende ist dieser Don Giovanni weit schneller vergessen, als man ihn gesehen hat.