Don Giovanni im Detmold, Landestheater

Tausend kleine Bilder

Auf der Bühne ist im Hintergrund eine prächtige Festtafel zu sehen mit Kandelabern und barocken Stühlen. Davor baut Jule Dohrn-van Rossum die halbe Umrandung einer Zirkusmanege, die nach vorn offen ist. Und diese Manege bildet das Innerste, den Kern von Aron Stiehls Don Giovanni im Detmolder Landestheater.

Stiehl verzichtet nämlich auf einen die Oper durchziehenden Interpretationsansatz. Stattdessen verwandelt er Mozarts Oper tatsächlich in eine Art Zirkusvorstellung, beleuchtet nicht das Werk im Ganzen, sondern beleuchtet Arien, Duette und Ensembles jeweils für sich und schafft viele kleine Welten, die sich wie Nummern aneinander reihen. Und jede von ihnen ist absolut durchdacht, ausgefeilt, ja eigentlich choreografiert. Aus diesen Pasticcio-Teilen erfahren wir viel über die Figuren und auch Stiehls Empathie für Komik kommt immer wieder zum Tragen. Am Schluss weiß das Publikum viel über die Charaktere.

Da ist der Komtur Irakli Atanelishvilis - bei Stiehl ein nicht ganz so finsterer Rachegeist, den der Sänger mit satter Tiefe auszustatten vermag.Franco Oportus Vergara ist ein mit offenem Mund bass staunender Masetto, der sich, ob des Trubels in den er hingeraten ist, nur wundern kann. Und genauso singt Oportus Vegara auch: unschuldig. Stephanie Hershaws Zerlina klingt glockenhell und ebenso unschuldig wir ihr Verehrer Masetto, ist aber ziemlich durchtrieben und erkennt genau die Fallstricke, in die sie hineinzugeraten droht. Emily Dorns Elvira ist schlicht - das würde man heute konstatieren - sexsüchtig. Da könnte Don Giovanni eigentlich ein ganz guter Therapeut sein, wenn der nur nicht seine Augen immer woanders hätte...

Adréana Kraschewski ist eine furchteinflößende Donna Anna, die aber den Sockel, auf den sie gestellt wird, so gerne verlassen möchte. Da käme Don Giovanni ganz gelegen. Pech auch, dass der sie liebende Ottavio sie genau da sehen möchte - auf dem Sockel nämlich. Stephen Chambers - priesterlich gekleidet - sieht Anna als Göttin, die er aus der Ferne verehren möchte. Das bringt Chambers, seinen Tenor rein und klar führend, zum Ausdruck.

Seungweon Lee strahlt als Leporello vor allem Pfiffigkeit aus. Seine Ziele sind ein gut gefüllter Geldbeutel und viel, sehr viel gutes Essen. Das untermauert Lee mit ebenmäßigem, eindringlichen Bariton. Und Don Giovanni? Ihn zeichnet Regisseur Stiehl ungestüm-jugendlich. Diesem Herzensbrecher hat das Leben noch nicht zugesetzt. Er will weitermachen wie im Rausch. Deshalb verströmen seine „Viva la libertà“-Rufe auch keinen Trotz oder Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse, sondern puren, testosterongesteuerten Lebenswillen. In Jakob Kunath hat Stiehl genau den Richtigen gefunden für dieses Rollenportrait. Insgesamt zeigt das Ensemble gut erfasste Charaktere. Aber ein Quäntchen Luft nach oben bleibt noch bei allen.

Aron Stiehl zeichnet differenziert herausgearbeitete Figuren, aber dennoch bleibt die Frage nach der Bedeutung der Geschichte Don Giovannis im Raum hängen, denn Stiehl gibt da keine Antworten.

Am Tag der Premiere haben der musikalische Leiter György Mészáros und das Symphonische Orchester nicht ihren allerbesten Tag erwischt. Der Don Giovanni kommt nicht in einem Guss daher, sondern wirkt seltsam in kleine Einheiten zerlegt, fast seziert und oft fast quälend langsam.

Dennoch applaudiert das Publikum allen Beteiligten sehr herzlich. Denn in welcher Form auch immer: Mozarts Don Giovanni ist immer wieder spannend und aufregend.