La Bohème im Dortmund, Oper

Wie eiskalt ist dies‘ Händchen

Draußen kündigt der Spätsommer sich noch einmal mit Macht an, doch im Theater Dortmund bekommen wir einen Vorgeschmack auf einen Winter, wie er vor dem spürbaren Klimawandel auch in Westfalen noch öfter erlebbar gewesen ist: Mit viel Kälte, Schnee und Wintervergnügungen an der frischen Luft. Da wir uns aber in Paris befinden in einer Zeit, in der fruchtlose Debatten über doch nie mehr erreichbare Klimaziele noch in ferner Zukunft liegen, können wir uns ohne Reue in diese Zeit zurückversetzen lassen.

Ganz ohne Probleme ist man damals auch nicht: Armut, Mangelernährung und feuchte Räume in rasch hochgezogenen Mietskasernen sind fruchtbarer Nährboden für die Tuberkulose. Die erwischt in Puccinis La Bohème die arme Mimì, der aber, bevor sie ihren letzten Atemzug tut, noch eine bittersüße Liebesbeziehung mit dem erfolglosen Dichter Rodolfo und unbeschwerte Momente mit dessen ebenso erfolglosen Künstlerfreunden vergönnt sind.

Bei Regisseur Gil Mehmert hausen sie in einer Art gläsernem Wintergarten auf einem Hausdach direkt „sous le ciel de Paris“– getreu des Mottos der „Bohémiens“: „ arm, aber frei“. Hier begegnen sich Mimì und Rodolfo, die nicht mit- aber auch nicht ohne einander glücklich sein können.

Mehmert erzählt die Geschichte, die mit dem tragischen Tod Mimìs endet, gerade heraus. Dabei gelingen ihm wunderschöne Momente. Besonders gut setzt er Massenszenen um. Das großstädtische Winterleben wird zu einem wirbelnden Wimmelbild. Geschickt bewegt er Protagonist*innen, Chor und Kinderchor und dazu noch eine veritable Marschkapelle. Mehmert lässt niemanden aus den Augen, kreiert viele kleine Einzelszenen. An diesem Winterwunderwerk kann man sich nicht sattsehen

Er baut auch immer wieder sehr wirkungsvoll die Hebebühne ein, um das Geschehen auf zwei Ebenen zu gestalten. So kann er die kontrastierenden Liebesgeschichten zwischen Marcello (in seiner Impulsivität schwer beeindruckend: Mandla Mndebele) und Musetta, die Rinnat Moriah auch stimmlich aufreizend gibt, und die von Mimì und Rodolfo wirkungsvoll gegenüberstellen: hier lodern die Gefühle heftig auf, führen zum Streit und zur Versöhnung. Dort werden Konflikte nicht ausgetragen, sondern brodeln unter der Oberfläche, die von Melancholie beherrscht wird.

Die Sterbeszene Mimìs ist konventionell, aber darum nicht minder wirkungsvoll: Sie haucht ihr Leben hingebettet in einer Badewanne aus, umgeben von ihren Freunden, nachdem Rodolfo gebührend von ihr Abschied nehmen konnte. Apropos Rodolfo: Mehmert deutet hier einen möglichen zweiten Toten an. Mimìs Geliebter stürmt aus dem Sterbezimmer und könnte sich in jeder Minute vom Dach stürzen. Oder tut er es vielleicht doch nicht? Denn er muss ja noch „seinen“ großen Roman schreiben. Diese Frage lässt Mehmert offen.

Morgan Moody (Schaunard) und Denis Velev (Colline) geben die „Künstlerkumpels“ mal lebensfroh leichtfüßig, zeigen aber auch ihre sensiblen Seiten. Fabio Mancinis Chor ist in jeder Hinsicht eine Augen- und Ohrenweide und trägt wie auch die Kinder der Chorakademie Dortmund spielfreudig zur Gestaltung der opulenten Winterszene bei. Anna Sohn singt die Mimi fantastisch. Ganz sensibel spürt sie sich in die Rolle hinein und erfasst ihr Wesen in seiner Zerrissenheit. Darstellerisch könnte sie sich noch etwas entwickeln. Sie agiert extrem zurückhaltend, fast als wolle sie sich für ihr Dasein auf der Bühne entschuldigen. Das hat sie bei ihrer Stimme nicht nötig. Sungho Kim hat diese Bühnenpräsenz. Er breitet Rodolfos Charakter intensiv aus und verfügt über die stimmlichen Ressourcen, dies zu tun: Sein Tenor hat Kraft und ist durch alle Lagen hindurch ebenmäßig. Kim besitzt satte Italianità in seiner Stimme, die aber nie gefühlsselig oder gar schmierig daher kommen.

Gabriel Feltz und sein Orchester tun das ihre, um den Theaterabend in ein Fest zu verwandeln: Mit großer Umsicht begleiten sie das Geschehen auf der Bühne und Feltz gelingt es, die Puccini-Glanzlichter herauszustreichen. Das ist ein Abend, der gerade in der kälteren Jahreszeit das Publikum in die Oper Dortmund locken wird. Sollte uns Gasmangel einen kühlen Winter bescheren: Diese La Bohème ist nicht nur herzerwärmend, sondern schafft sofort eine wohlige Atmosphäre, in der auch durchaus mal ein Tränchen verdrückt werden darf.