tick, tick... BOOM! im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Scheiternde Existenz?

Sein Leben währte nur kurz, weshalb sein musikalisches Oeuvre auch überschaubar blieb: Jonathan Larson, 1960 in den USA geboren, starb mit nur 35 Jahren an einer genetisch bedingten Krankheit - just am Tag der höchst erfolgreichen Uraufführung seines Musicals „RENT“. Im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ist jetzt Larsons fünf Jahre zuvor entstandenes 100-Minuten-Stück tick, tick… BOOM! zu erleben.

Keine Frage, dass jede Menge Psychologie im Spiel ist, wenn der 30. Geburtstag bevorsteht und damit so etwas wie eine „Schallmauer“ durchbrochen wird. Manche können gut damit umgehen, manche weniger. Jon zählt zu Letzteren. Mehr noch: in seinem Kopf kreisen kurz vor seinem Wiegenfest ein permanentes Ticken und hin und wieder auch mal Knallgeräusche, die Explosionen gleichen. Jon ist Komponist. Ein mäßig erfolgreicher. Weil er bislang noch nicht darüber hinausgekommen ist, als in der Szene mit dem Attribut „vielversprechend“ etikettiert zu werden. Dabei arbeitet er seit Jahren an seinem aktuellen Projekt, dem Musical „Superbia“. Ob dies jemals fertig wird?

Zweifellos erzählt Jonathan Larson mit tick, tick...BOOM! nicht nur die Geschichte von Jon sondern verarbeitet auch seine ganz persönlichen Erfahrungen, seine beruflichen, seine beziehungsmäßigen. Der bevorstehende 30. Geburtstag ist nicht der Grund, wohl aber Auslöser, sich grundsätzliche Gedanken zu machen. Über den Zustand der Welt, über die eigene Zukunft, seine Freundschaft zu Susan, das Verhältnis zu seinem Vater, der regelmäßig mit Jon telefoniert und ungebetene Ratschläge erteilt. Auch Michael, sein WG-Genosse, der gerade Karriere macht, gut Knete verdient und kurz vor dem Absprung in seine neue Luxuswohnung ist, spielt eine Rolle. Ziemlich viel los also in Jons Leben, in dem er sich als Kellner über Wasser hält.

Regisseur Carsten Kirchmeier präsentiert einen jungen Mann, der ganz authentisch und mit all seinen Gefühlen glaubwürdig wirkt. Ebenso wie alle anderen Menschen aus Fleisch und Blut, die im Laufe der gut 100 Minuten die Bühne beleben. Eine Story wie aus dem Leben gegriffen. Und so spielen sie auch: Luc Steegers in der Titelrolle, Inga Krischke als Susan (und in weiteren kleineren Rollen) sowie Sebastian Schiller als Michael, dessen Schwulsein hier mal kein großes Thema ist.

Christiane Rolland hat eine multifunktionale Bühne kreiert, die blitzschnelle Ortswechsel ermöglicht, mit Laufstegen,Treppen und Spielflächen - im besten Sinne sehr pragmatisch. Darauf bewegen sich die Protagonisten höchst virtuos und singen ganz großartig. Echte Musicalstimmen mit Ausstrahlung und unerschöpflicher darstellerischer Präsenz. Und immer ganz unmittelbar „dran“ an der Musik, die Jonathan Larson sehr vielfarbig angelegt und stilistisch breit aufgestellt hat. Larson kommt mit ganzen vier Instrumenten aus: mit Keyboard (Wolfgang Wilger), Gitarre (Sebastian Dörries), Bass (Ian Steward) und Schlagzeug (Andy Pilger) - ein Quartett, das die Klänge mal ordentlich (und überaus lautstark!) grooven ließ, mal nachdenkliche Töne anschlug.

Alles in allem eine überzeugende Inszenierung, die nicht nur das Lebensgefühl der 1990er Jahre in den USA widerspiegelt, sondern dem Stück durchaus auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts Bedeutung verleiht. Das Premierenpublikum war restlos begeistert - stürmischer Beifall!