Salome im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Täter-Opfer Umkehr

„Man töte dieses Weib“, befiehlt König Herodes und schafft sich durch einen Auftragsmord nicht nur seine Stieftochter Salome aus den Augen, sondern mit ihr alles, was ihn erinnern könnte an das, was zuvor geschehen war: Eine Orgie männlicher sexueller Gewalt. Schwarz ist der Innenhof des Palastes, den Julius Theodor Semmelmann auf die Bühne stellt, keine sanfte orientalische Oase, sondern durch und durch finster mit einigen Klavieren, die Zeugen sein mögen für vergangene, halbwegs fröhliche Lustbarkeiten. Lediglich ein grauer Mond wirft ein wenig silbrig-glänzendes Licht in die Szenerie. Schwarz sind auch die Kostüme. Carola Volles gelingt es trotz der Einfarbigkeit mit überbordender Fantasie in Bezug auf Schnitt und Accessoires jeder Person Individualität zu verleihen.

Manuel Schmitt unterstreicht von Beginn an die männliche Prägung dieser Gesellschaft , deren Mitglieder sich forsch und selbstbewusst geben. Von Beginn an durchweht Richard Strauss‘ erotisch aufgeladene Musik ein - von der Szene ausgehender - starker Duft von Testosteron, der immer weiter anzuschwellen scheint. Da sind die Liebessehnsucht-Seufzer des Hauptmanns Narraboth, der von Salome träumt, noch geradezu von kindlicher Unschuld. Khanyiso Gwenxane gibt ihn anrührend und stimmschön in seiner tiefen Schwärmerei.

Doch Schmitt entfaltet erbarmungslos das tausendmal Geschehene in einer von Männern dominierten Gesellschaft: der Schleiertanz der Salome wird zu einer Massenvergewaltigung, in der alle Männer an Salome gegen deren Willen ihre sexuellen Fantasien ausleben. Tenald Zace choregrafiert sensibel, räumt aber der Drastizität ihren Raum ein. Mit Dreck beschmiert dann Herodias ihre Tochter. Ebenso schnell kehren die Männer flugs die Rolle Salomes um: Aus ihrem Opfer wird die verführende Täterin - ein perfides Vorgehen, das in der Realität immer wieder erfolgreich ist.

Salomes Schlussmonolog ist bei Schmitt ein einziger Verzweiflungsschrei. Fast zitternd hält sie das Tablett mit Jochanaans Kopf, der eingetrocknet und geschrumpft daher kommt. Der Sieg über einen Mann ist allzu bitter erkauft.Beim besten Willen nicht zu entschlüsseln ist Jochanaans Rolle in diesem bitterbösen Spiel. Der sitzt zunächst vielarmig, wabernd wie Jabba, die Kröte aus „Star Wars“ in seinem Käfig und scheint bereits mumifiziert zu sein. Dann verschwindet er hinkend wie der Glöckner von Notre-Dame von der Bühne. Da bedürfte es einer „Bedienungsanleitung“.

Schmitts Deutung ist stringent, wohldurchdacht und in sich schlüssig und beschreibt eine traurige Realität. Dennoch kann man darüber diskutieren, ob ein solcher Ansatz nach vielen Interpretationen, die Salome als selbstbestimmt handelnde Frau zeigen, nicht auch einen Rückschritt in der Rezeption bedeuten könnte.

Die kleinen Rollen sind alle ganz prima besetzt und passen sich prächtig in die ganze Inszenierung ein. Lina Hoffmann warnt als Page Narraboth dunkel und deutlich „flüsternd“ vor den Gefahren, die ihm wegen seiner Liebe zu Salome drohen könnten. Benedict Nelson singt den Jochanaan kräftig, aber seltsam neutral. Profetischer Eifer geht ihm völlig ab.

Almuth Herbst hat sich als Herodias längst der Männergesellschaft angepasst, ist Teil von ihr und deren Machtgebaren. Herbst singt sehr solide ohne jedwede emotionalen Ausbrüche. Martin Homrich ist ein echt fieser Herodes. Ausgestattet mit einem riesigen Bauch und hängenden Männerbrüsten gibt er seiner Geilheit vielfältig Ausdruck: mal fast quiekend wie ein Schwein, mal atemlos hechelnd vor Gier. Und am Ende gibt er eiskalt den Mordbefehl - ein hinreißendes, ausgefeiltes Rollenportrait. Susanne Serfling ist eine flirrende Salome, die schwer kämpft mit der Männerwelt, am Ende aber ihre Niederlage eingestehen muss. Serfling ist eine mehr frauliche, denn mädchenhafte Salome, der manchmal ihre Stimme ein wenig zu entgleiten scheint, was einen Mangel in der Diktion zur Folge hat.

Die Neue Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann hat den „Laden“ voll im Griff. Von Beginn an zieht Baumann alle Register und beschwört Strauss‘ betörend-rauschhafte Musik herauf. Das drückt von Anfang bis Ende in den Theatersessel. Beim Verlassen des Hauses äußerte ein Zuhörer den Satz: „ Die können aber gut laut“. Recht hat der Mann!