Die Frau ohne Schatten im Köln, Oper

Geisterwelt und Menschenwelt

Es ist schon eine etwas seltsame Geschichte, die Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal da erzählen: von einer Frau resp. Kaiserin, die keinen Schatten wirft, weil sie ein Zwitterwesen ist: halb Mensch, halb aus dem Geisterreich ihres Vaters Keikobad stammend. Und von dem Färber Barak und seiner Frau, deren Beziehung längst vertrocknet zu sein scheint. Zwei Welten treffen aufeinander. Und in einem skurrilen Moment tönen sogar fünf Fische mit Kinderstimmen aus einer Bratpfanne! Das zeitigt ganz ungefragt ein kopfschüttelndes Schmunzeln. Weniger dagegen die zwielichtige Gestalt der Amme, deren Idee zur Lösung des anstehenden Problems die ganze Opernhandlung erst auslöst.

Worum geht es? Um die Kaiserin, der es, um ganz Mensch werden zu können, an einer Voraussetzung empfindlich mangelt: an der Fähigkeit zur Reproduktion. Sie bekommt keine Kinder, bleibt „ohne Schatten“. Diesen soll sie sich in der (niederen) Welt der Menschen quasi einkaufen - so der Rat der Amme. Nach über drei Stunden Musik, für deren Umsetzung Richard Strauss ein Riesenorchester aufbietet und fünf ebenso riesige Gesangspartien verlangt, ist ein Lösungsweg gefunden. Ergebnis: Kaiser und Kaiserin sind ebenso vereint wie Barak und seine Frau.

Eine frohe Botschaft, ganz sicher auch Anno 1919, im Jahr der Uraufführung an der Wiener Staatsoper. Also ein Jahr, nachdem die Kanonen zum Schweigen gebracht wurden, die bis dahin vier Jahre lang für unsägliche Zerstörung, unermessliches Leid gesorgt hatten. Millionen junger Männer waren tot und damit die Zukunft einer ganzen Menschheitsgeneration in Frage gestellt.

Zukunft - um die geht es auch der Regisseurin Katharina Thoma in ihrer Inszenierung im Kölner Staatenhaus (seit acht Jahren Ausweichspielstätte für das noch immer im Baustellen-Zustand befindliche Opernhaus am Offenbachplatz). Zukunft im und für das 21. Jahrhundert. Der Befund ist hinlänglich bekannt: existenzielle Krisen, wohin man blickt. Krasse Armut, Vermüllung der Welt, Ausbeutung, Klimakatastrophe, brutale Kriege und, und, und. Das sind die Themen, die Katharina Thoma verhandelt. Auch verhandelt, muss man präzisieren. Denn natürlich spielt der feministische Aspekt der Geschichte eine Rolle, die Frage nach der autonomen Entscheidung von Frauen in Bezug auf Kinder, auf Mutterschaft, die der Kaiserin durch Druck von außen, durch patriarchalische Strukturen oktroyiert wird. Und die ebenso autonome Entscheidung der Färberin, ob sie ihren Schatten, quasi ihre Fruchtbarkeit an die Kaiserin „verkauft“ oder nicht.

Das Ganze spielt sich ab in einem abstrakten Bühnenbild von Johannes Leiacker, der ein riesiges, stufenförmig angelegtes weißes Podest gebaut hat, auf dessen Spitze ein gewaltiger Felsen thront. Diese Konstruktion liefert neben viel begehbarem Raum auch die Projektionsfläche für die Videosequenzen von Georg Lendorff, die vielfältige Assoziationen wecken. So etwa die einer martialischen Wasserflut am Ende des 2. Aktes, die die Lebenswelt der Menschen zerstört. Oder die drohende Versteinerung der Welt des Kaisers, sollte seine Frau schattenlos bleiben. Das sind schon beeindruckende Bilder! Demgegenüber ganz handgreiflich dank klarer Kostüme (Irina Bartels) die Hemisphären der elitären Gesellschaft hier, des bettelarmen Volkes dort. Baraks Brüder, in billige Ballonseide gekleidet, sammeln Lumpen, haufenweise Kinder tummeln sich in wenig charmanter Umgebung. Das alles ist ganz plastisch nachvollziehbar. Am Ende bleiben diese beiden Hemisphären, was sie im Grunde sind: voneinander geschieden! Ein optimistischer (oder doch nur utopischer?) Blick in die Zukunft ist das kleine Olivenbäumchen, das im finalen Bild sorgsam gegossen wird!

Musikalisch ist „Die Frau ohne Schatten“ eine ganz enorme Herausforderung. Hier kann die Kölner Inszenierung in jeder Hinsicht punkten, weil nun wirklich jede der fünf großen Partien nahezu perfekt besetzt ist: AJ Glueckert ist ein brillanter, mit obertonreichem Tenor singender Kaiser, Irmgard Vilsmaier gibt die mitunter diabolische Amme, von der sich Daniela Köhler als stimmlich rundum überzeugende Kaiserin am Ende für immer trennt. Lise Lindstrom geht voll und ganz auf in ihrer emotional zutiefst durchdrungenen Rolle als Färberin, Jordan Shanahan ist Barak, ihr Gatte: ein fantastischer Bassbariton, der ebenso balsamisch-sanften wie triumphal-emphatischen Ausdruck formuliert und vorbildliche Textverständlichkeit liefert.

Dann ist da noch das Gürzenich-Orchester. Wie gesagt ein Riesenapparat, den Gastdirigent Marc Albrecht mit absoluter Präzision durch sämtliche Fahrwasser der Partitur führt. Das Spektrum reicht vom Blechbläser gesättigten Tutti bis hin zum kleinsten kammermusikalischen Format. Alles geht, alles funktioniert vortrefflich. Was nicht zuletzt uneingeschränkt auch gilt für den Chor der Oper Köln sowie den Knaben und Mädchen der Kölner Dommusik, die auf der Bühne derart professionell singen und spielen, als sei dies ihr „Alltagsgeschäft“. Großartig!