Zazà im Bielefeld, Stadttheater

Hemmungsloser Naturalismus

Es geht kaum banaler. Der Mann führt ein Doppelleben. In Paris wartet das wohlgeordnete Heim mit Ehefrau und kleiner Tochter, in der Provinz die dort gefeierte Varietédiseuse Zazà. Die aber von den Umtrieben des Geliebten nichts ahnt. Im Gegenteil, die vaterlos aufgewachsene Sängerin erhofft sich vom vermeintlich biederen Bourgeois das perfekte Eheglück. Eine Dutzendgeschichte, die allenfalls durch das, was einst Tingeltangelmilieu hieß, ein wenig Farbe zu gewinnen verspricht. Ruggero Leoncavallo zielte mit seiner im Jahr 1900 am mailändischen Teatro Lirico uraufgeführten Oper Zazà auf lebensnahe Trivialität. Den puren Verismo, einen sprachlichen und musikalischen Naturalismus also mit weitaus unspektakuläreren Sujets als denen seiner Zeitgenossen Puccini und Giordano. In Bielefeld erweist sich, mit welcher Treffsicherheit. Anlass für Regisseurin Nadja Loschky herauszustreichen, wie die Titelfigur in der alltäglichen Liebeskatastrophe an Statur gewinnt. Der bourgeoisen Heuchelei setzt Zazà Aufrichtigkeit entgegen, dem falschen Spiel des Pariser vorgeblichen Biedermannes den Entschluss zur Trennung. Denn die Diseuse kommt diesem sauberen Monsieur Dufresne auf die Schliche. Inkognito lernt sie dessen kleine Tochter Totò kennen. Loschky lässt Zazàs sofort aufkeimende Sympathie für das Mädchen zwischen mütterlichen Empfindungen und denen einer großen Schwester changieren, wie das bei solchen Begegnungen wohl der Fall ist, oder mindestens sehr gut vorstellbar. Kaum konfrontiert aber die beherzte und couragierte Diseuse den feigen Bourgeois mit seinem Doppelleben und droht, dessen Ehefrau darüber zu unterrichten, sinkt dieser auf die charakterliche Schwundstufe. Dufresne flüchtet sich in eine Mixtur aus Beschimpfungen, Drohungen und Weinerlichkeit. Je heftiger er sich aufplustert, desto rascher scheint er bei Loschky, die ihn dazu in perspektivisch ausgefeilter Optik zur Titelfigur positioniert, auch an Körpergröße zu verlieren. Vollends offenbar aber wird des Mannes ganze Erbärmlichkeit, wenn Zazà ihm entgegenschleudert, ihn mitnichten denunziert zu haben. Mag immer sie sich in einer Welt bewegen, auf die Biedermänner herabblicken, Zazà besitzt den untrüglichen Kompass für das menschlich Richtige. Selbst dann, wenn das Milieu auf der Bielefelder Bühne noch weiter von der bürgerlichen Sphäre abrückt als Leoncavallos ursprünglicher Schauplatz, das Varieté. Die Titelfigur hat sich nun einem Wanderzirkus angeschlossen. Hinter der Manege erwarten die Artisten trainierend oder plauschend ihren Auftritt. Bühnenbildner Manuel La Casta verbindet Vorstadtschäbigkeit und Zirkusflitter zum naturalistischen Gemisch, von dem sich die kühle Metropoleneleganz bei Familie Dufresne desto deutlicher abhebt. Doch ob nun in der pailettenblitzenden Berufskleidung des Zirkus oder in großstädtisch raffinierter Schlichtheit, Irina Spreckelmeyer misst Zazà Kostüme an, in denen sie gute Figur macht. Während selbst der teure Zwirn nicht über fundamentale die Unaufrichtigkeit des Monsieur Dufresne hinwegtäuschen kann.

Leoncavallos Partitur kommt al fresco daher. Der Orchestersatz ist nicht allzu differenziert. Den Vokalpartien sind in den jeweiligen dramatischen Situationen durchaus effektvolle Kantilenen gegönnt, ohne dass sich eine Wunschkonzertnummer herausschält. Anne Hinrichsen sitzt mit den Bielefelder Philharmonikern solcher Faktur ein wenig auf. Aus dem Graben tönt es ab und an zu laut und schablonenhaft. Dusica Bijelic wächst zur paradigmatischen Verkörperung der Titelfigur auf. Bjelic singt noch in emotionalsten Ausbrüchen auf Linie, sie bindet ihre Noten selbst dort, wo die Verführung zu bloßer Deklamation besteht. Nenad Cica gibt Milo Dufresne. Obwohl er sich als nicht in Höchstform ansagen lässt, versteht er einen vokalen und spielerischen Eindruck von seiner nicht eben gewinnenden Figur zu geben. Demnach hat Leoncavallo offenbar viel Tenorglanz als Blendwerk vorgesehen. Alexandra Ionis verkörpert mit sattem Mezzo Zazàs am Leben gescheiterte und die Tochter beständig anpumpende Mutter Anaide. Vollsaftig baritonal gibt Evgueniy Alexiev ihren Manager und Varieté-Duettpartner Cascart. Stimmfachkollege Todd Boyce ist der dem Duett vokal ebenso schlank wie elegant zuarbeitende Komponist Bussy. Giulia Rabec meistert anrührend die Sprechrolle der kleinen Totò Dufresne. Auch alle weiteren Solistinnen und Solisten tragen zur runden Ensembleleistung bei.