Il barbiere di siviglia im Bielefeld, Stadttheater

Am Ende finden alle ihr Glück

Das musste ja endlich einmal getan werden. Man kannte den Dr. Bartolo zwar als alt, eifersüchtig, geizig und heiratslustig, um nicht zusagen heiratswütig, aber wo er seinen Doktortitel her hat, das hat noch niemand herausbekommen. Hier hat das Theater Bielefeld Entscheidendes geleistet. Der Doktor ist Humanwissenschaftler, der laut Pressemitteilung „an der Verbesserung der menschlichen Spezies forscht“. Aha. Immerhin, soviel ist noch zu erfahren, forscht er an Mäusen, deren Gene bekanntlich zu 99 Prozent den menschlichen entsprechen. Doch irgendetwas stimmt im Labor des Doktors nicht. Da kommt eine Rundfunkmeldung, der Bedeutung wegen gleich viersprachig, dass der schon oft mit dem Nobelpreis gehandelte Forscher Dr. Bartolo kurz vor der Insolvenz stehe. Mit anderen Worten: Es gehen ihm die Mäuse für seine Mäuse aus. Das erklärt natürlich sehr viel besser seinen Geiz und vor allem seine Heiratswut.

Der Dr. Bartolo (Evgueniy Alexiev) bewacht deswegen misstrauisch sein Mündel Rosina (Marta Wryk), weil dieses über viel Geld verfügt, das im Falle ihrer Heirat frei wird. Misstrauisch und eifersüchtig ist er, seit ihm sein Vertrauter Don Basilio, der Musiklehrer seines Mündels, erzählt hat, dass sich auch Graf Almaviva für Rosina interessiert.

Der ist schon öfter unter ihrem Fenster aufgetaucht mit schönen Liedern. Gehört hat Rosina also ihren Verehrer schon öfter, aber gesehen noch nie. Wie auch? Aber auch der Graf hat einen Vertrauten. Einen, der fast überall reinkommt, den jeder kennt und dem kaum einer misstraut: Figaro (Todd Boyce). Er, das Faktotum der Stadt, wie er sich selbst bezeichnet, weiß immer einen Ausweg.

Das ist die Ausgangslage dieses Spiels um Mäuse und Liebe. Anscheinend war diese Situation aber noch nicht interessant genug für die Regisseurin und Mitherrin des Bielefelder Theaters, Nadja Loschky. Zum Beruf des Doktors ließ sie sich von Anna Schöttl eine Bühne mit Labor mit vier Laborantinnen und einem Laboranten sowie den Privatbereich hintendran bauen. Während der schon sehr genau akzentuierten Ouvertüre, dirigiert von Gregor Rot, dreht sich der Aufbau einmal um sich selbst und der Rezensent hat Zeit, die Szene zu betrachten. Sehr funktional, sehr einleuchtend, gut zu durchdringen nach allen Richtungen. Über Podeste und Leitern sind unterschiedliche Ebenen zu erreichen. Im Labor sieht man Computer und Erlenmeyerkolben sowie eine Schalt- und eine Schultafel. Vor dem Haus des Doktors viel Gebüsch. Das hat Gründe. Wo in herkömmlichen Barbier-Inszenierungen der Herrenchor mit viel Aplomb auftritt, um den Grafen beim Ständchen für die heimliche Geliebte zu unterstützen, ist er hier schon vor Ort. Versteckt unter den Gebüschen platzt er auf seinen Einsatz hin heraus und beginnt volltönend. Und verschwindet dann rasch, denn er hat es versaut. Der Hausherr kommt, erregt über den Lärm, findet aber nix. Aber der Tanz um das „goldene“ Mündel kann beginnen. Und wie da „getanzt“ wird. Über die diversen Ebenen hin und her, die Leitern rauf und runter, versteckt hier, versteckt da, Briefe werden vertauscht, verliebte Blicke gehen hin und her und auch ins Leere - ein Wunder, dass die Agierenden nicht den Überblick verlieren. Dem Zuschauer und der Zuschauerin wird’s gelegentlich schwindlig. Vor allem das Finale des ersten Aktes ist der Höhepunkt des Abends. Der Graf will sich als Soldat, der auch noch betrunken ist, beim Doktor einquartieren - ein Vorschlag Figaros - der jedoch im großen Gewimmel scheitert, weil der Doktor niemanden einquartieren muss. Der Soldat weigert sich zu gehen, worauf die Wache bemüht wird, die auch in voller Besetzung das Haus stürmt und letzten Endes den Grafen mitnimmt. Das Hin und Her ist monströs, aus dem Graben tönt das Philharmonische Orchester gewaltig, die Solisten ihrerseits geben auch ihr Bestes. Nach der Pause keine Ruhe. Der Graf will ja weiterhin Rosina. Sie will ihn auch, nachdem sie ihn jetzt kennen gelernt hat. Aber die Gefahr des Scheiterns wächst, denn der Notar naht. Figaros neuer Einfall: Der Graf soll als Don Alonso, Vertreter des erkrankten Musiklehrers, erscheinen und im günstigen Moment Rosina entführen. Aber natürlich ist Don Basilio nicht krank, er kommt mit dem Notar! Höchste Gefahr! Denn der Doktor schmeißt den falschen Musiklehrer und Figaro raus und erzählt seinem Mündel, der Don Alonso treibe ein doppeltes Spiel mit ihr. Empörung bei ihr. Aber Figaro, der wie schon einmal gesagt, jeden einseift, schafft es auch diesmal, wenn auch mit Hindernissen. Die Solistinnen und Solisten sowie der Herrenchor haben bei ihren Auftritten - ob im Solo oder im Ensemble, ob piano oder forte - überzeugend und glanzvoll gespielt und gesungen. Am Ende finden alle ihr Glück. Das Publikum wurde in seinem imposanten Beifallssturm vom sich nicht mehr öffnenden Vorhang ausgebremst.

Nach dieser turbulenten Inszenierung darf man neugierig sein auf eine Kinderversion dieser Oper, die am 23.12.2023 im Stadttheater Premiere haben wird. „Doktor Bartolos Geheimnis oder In Sevilla sind die Mäuse los“ heißt das Werk, ein Auftrag des Theaters an Michael Wilhelmi. Gegeben wird eine verkürzte Version für Kinder ab 6 Jahren in der gleichen Besetzung wie in der großen Oper.