La Bohème im Theater Hagen

Tod auf steinernem Bett

Sie frieren, sie hungern und haben doch meist gute Laune. Denn sie sind frei und leben für ihre Kunst. Das ist es, was man gemeinhin unter Bohèmiens sich vorstellt. Lauter Vorurteile oder schlicht kitschige Imagination? Egal, denn bei Giacomo Puccini geht es dann tiefer, wenn echte Emotionen ins Spiel kommen. Zeit und Raum treten in den Hintergrund, wenn er die Liebe von Mimì und Rodolfo beleuchtet, die nicht mit, aber auch nicht ohne einander leben können. Die bittersüße Romanze endet bekanntlich mit dem Tod Mimìs, der zugleich die Tiefe dieser Liebe beglaubigt.

Im Theater Hagen konzentriert sich Holger Potocki ganz auf die Beziehung der Protagonisten und erzählt die Geschichte schnörkellos und ohne jedes ablenkende Beiwerk. Das es dennoch jede Menge zu sehen gibt, dafür sorgt Ausstatterin Lena Brexendorff. Eine karge Dachwohnung, die aus Felsblöcken zu bestehen scheint, die sich über jeder Menge beschriebenen Papier und geknüllten Leinwänden aufzutürmen scheinen - Früchte vergeblicher künstlerische Versuche. An der Decke hängen Leuchtstoffröhren, die wie Trapeze daherkommen. Dort beginnt die Beziehung zwischen Mimì und Rodolfo. Potocki inszeniert sie kongruent zur Musik als leichtfüßige, unbeschwerte Tändelei mit allerlei Späßen und versteckten Neckereien. Dabei nutzt Potocki mit seinen Figuren den gesamten Raum aus. Im weiteren Verlauf wird dagegen viel ohne körperliche Bewegung gesungen.

Als Gegenpol zur spartanischen Wohnung gestaltet Brexendorff das Vergnügungsviertel Montmartre. Dabei verzichtet sie wohltuend auf Weihnachtsdeko und gar rieselnden Schnee: Stattdessen schmücken farbige Lichter eine Treppenkonstruktion, die die Bühne raffiniert ausleuchtet, aber von der Regie zu wenig als Spielort genutzt wird. Bunt gekleidet agiert und singt der Kinderchor, während die erwachsenen Chormitglieder in glänzend-elegantes Schwarz mit hohen Biedermeier-Zylindern und bunten Accessoires gekleidet sind. Sie machen alle nicht nur optisch etwas her, sondern singen auch allesamt wohltuend emphatisch.

Gesungen wird in Hagen überhaupt ganz formidabel. Mario Klein gibt den genarrten Vermieter und den noch mehr auf den Arm genommenen Liebhaber Musettas herrlich mitleiderregend. Kenneth Mattice und Dong-Won Seo als Schaunard und Colline sind eher rustikale Künstlerkumpels, die aber auch ganz sanft und fein ihr Mitleid mit der sterbenden Mimì zum Ausdruck bringen. Insu Hwang ist ein wütender Marcello, den die Hochs und Tiefs in seiner Beziehung zu Musetta immer wieder aufbrausen lassen. Die ist in Gestalt von Mercy Malieloa von mächtiger Bühnenpräsenz. Bei Malieloa erreicht Musetta auch stimmlich eher die Dimension einer Carmen. Das beeindruckt schwer.

Jongwoo Kim bietet stimmlich alles, was ein Rodolfo bieten muss: Seine Stimme ist jugendlich-hell gefärbt, kann aber auch durch Verschattungen tiefe Trauer ausdrücken. Kim gelingt es, Zwiespalt im emotionalen Bereich glaubhaft zu artikulieren. Anna Pisareva ist eine durch Leid früh gealterte Mimì. Jungmädchenhafte Attitüden liegen ihr fern. Stattdessen gibt sie tiefe Einblicke in die Seele einer liebenden Frau. Beide allerdings wirken darstellerisch noch sehr gehemmt, müssten noch mehr auch auf diesem Gebiet sich offenbaren. Da darf man gespannt sein auf die Folgevorstellungen.

Joseph Trafton und sein Philharmonisches Orchester kosten gerade die leichten, spielerischen Passagen in ihren Details wunderbar aus, können aber auch strahlend kräftig aufdrehen, wenn es darauf ankommt.

Ist La Bohème Kitsch? Darüber lässt sich heftig streiten. Das ist doch aber letztlich ganz egal. Denn wer kann in dieser dunklen Jahreszeit nicht eine herzzerreißende Liebesgeschichte gebrauchen, bei der man zudem noch in wunderbarer Musik schwelgen kann? Also ab nach Hagen. Aber bitte: Taschentücher nicht vergessen!