Carmen im Theater Münster

Freiheitswillen triumphiert

Starke Frauen im Geschlechterkampf zeigt Andrea Schwalbachs Inszenierung von Bizets Carmen am Theater Münster. Der spielt sich ab auf Anne Neusers Bühne, die sich zeitlich nicht verorten lässt. Sie wird begrenzt und unterteilt durch rechteckige, hohe und drehbare Säulen, die in rot-lila und auch mal gelben Farbtönen beleuchtet werden. Doch zunächst ist da eine dunkle Wand vor der alle Protagonist:innen auf einer Bank sitzen. Niemand scheint so richtig den Anfang machen zu wollen, bis sich einer erbarmt und die Handlung eröffnet: es ist Laurent Arcaro. Er singt Dancairo und Moralès, führt aber auch als eine Art Moderator durch die Handlung und übernimmt die Rolle eines „Unparteiischen“ in der Auseinandersetzung von Männern und Frauen. Das zeigt sich auch in seiner Kleidung. Er ist feminin und maskulin zugleich, vielleicht non-binär. Dann zieht der Herren-Chor ein, nimmt auf der Bank Platz. Er verströmt Mengen von Testosteron und wird dabei optisch unterstützt vom Kinderchor, in dem die nächste Generation von Männern gleicher Couleur heranzuwachsen scheint. Sogleich beginnen sie, Micaela sexistisch zu belästigen. Gewandet sind alle schwarz-weiß - neben rot-violett die vorherrschenden Farben in Bianca Deigners Kostümen, die auch folkloristische Elemente aufnehmen und perfekt bis zur Asepsis durchgestylt sind. Doch dieser Auftritt ist dann schon fast der letzte, in dem die Männer ihre Macht nutzen können. Denn später übernehmen die Frauen eindeutig das Zepter: Carmen lebt vor, wie ein freies, selbstbestimmtes Leben aussieht. Sie ist keinesfalls Objekt männlicher Begierden. Bei den Raub- und Schmuggelzügen sind die Frauen in der aktiven Rolle, entscheiden wo es langgeht. Und auch Micaela emanzipiert sich und lässt sich von männlichem Posieren nicht mehr einschüchtern.

Und die Herren der Schöpfung? Der Stierkämpfer Don Escamillo ist das Sinnbild von in Lächerlichkeit und Leere erstarrtem Machismo. Papageienhaft gelb gewandet versucht er eine Zeit aufrechtzuerhalten, die es längst nicht mehr gibt. Rätselhaft bleibt da allerdings, warum sich Carmen in so einen Typen verlieben sollte. Josés Konflikt liegt bei Schwalbach nicht in Eifersucht und emotionalen Explosionen. Er vermag sich schlicht nicht zu entscheiden zwischen einer geordneten, bürgerlichen Existenz und dem Leben einer Liebe ohne Wenn und Aber. Diese Schwäche führt auch dazu, dass er es nicht schafft, Carmen zu töten. Andrea Schwalbachs Konzept ist wohldurchdacht und konsequent zu Ende geführt. Auch gelingen einige tolle Bilder. Dabei werden allerdings die Emotionen sehr gedrosselt, als hielte die Ratio stets dämpfend ihre Hand darüber. Ein großes Manko sind die Szenen mit Chor: Hier ist dem Regieteam nicht viel eingefallen und es bleibt meist bei kollektivem Bewegen von Links nach Rechts und umgekehrt.

Die Handlung ist ergänzt durch gesprochene Dialoge. Die machen viel Sinn. Leider offenbaren sich hier, aber auch im Gesang, bei fast allen Ensemblemitgliedern, abgesehen von Laurent Arcaro, Schwächen im Handhaben des französischen Idioms. Da wäre etwas mehr Investition in Sprachcoaching angebracht gewesen.

Kihoon Yoo und Benjamin Park sind als Zuniga und Remendado gut besetzt. Maria Christina Tsiakourma (Mercédès) und Katharina Sahmland (Frasquita) schlagen elegant und gewitzt die Schicksalskarten auf, sind aber auch sonst tatkräftiges weibliches Führungspersonal. Laurent Arcaro glänzt vor allem darstellerisch als Moderator.

Alik Abdukayumov als Escamillo  lässt im Sinne der Inszenierung stimmlich „den Tiger im Tank“, hält sich mit Virilitätsgehabe zurück. Garrie Davislim kann als Don José mit einem kräftigen Tenor punkten. Ihm mangelt es bisweilen aber an Nuanciertheit, um einen breiten Fächer an Emotionen aufschlagen zu können.

Sehr stark - auch stimmlich - am Premierenabend ist Robyn Allegra Parton als Micaela. Sie mausert sich vom unbedarften Landei zu einer Frau, die weiß, was sie will. Sanftes Bitten und Flehen kann ihr Sopran genauso intensiv gestalten wie völlige Unnachgiebigkeit. Wioletta Hebrowska lebt die Carmen. Glutvolle und zugleich drohend-grollende Tiefe vermittelt sie genauso wie stählerne Härte und sanftes, fast engelsgleiches Locken in der Höhe - ein absoluter Glanzpunkt des Abends.

Einen ebensolchen setzen auch die Sänger:innen des Chores und des Extrachores unter Anton Tremmel, die die große Chance, die ihnen Carmen bietet, zur Gänze nutzen: Sie zeigen, wie differenziertes Singen geht, singen nicht nur laut oder leise, sondern entfalten viele Zwischentöne.

Highlights sind damit noch nicht genug vermerkt. Einen weiteren bietet Golo Berg mit dem Sinfonieorchester Münster. Eine Carmen, die so mit pulsierendem Leben gefüllt ist, kommt einfach perfekt herüber und schlägt das Publikum in den Bann. Dabei geht es Berg und seinen Musiker:innen gar nicht mal zuallererst um das Auskosten tiefer Emotionen. Sie sorgen vor allem für eine grandiose Durchhörbarkeit der Partitur und lassen das Publikum deren kleine und kleinste Kostbarkeiten erfahren - ein wirkliches Erlebnis.

Eine Carmen, die musikalisch lohnt. Aber auch Andrea Schwalbachs Regiekonzept kann graue Zellen zum Rotieren bringen. Das Publikum jedenfalls feiert diesen Abend.