Katja Kabanowa im Bielefeld, Stadttheater

Eine Frau zwischen zwei Männern

Holzkonstruktionen mit ein paar Stufen begrenzen rechts und links die Spielfläche. Im Hintergrund steht ein Tisch mit feinem Tuch - ein Zeichen von Wohlstand, aber auch von Austauschbar- ja Unpersönlichkeit. Die Holzstufen könnten auch ein antikes Amphitheater andeuten. Damit läge man vielleicht gar nicht mal so falsch, geht es in Leoš Janáceks Katja Kabanowa auch um die „ewigen“ Themen wie Schuld, Rache und Vergeltung.

Die stellt Regisseur Georg Zlabinger tatsächlich in den Mittelpunkt seiner Interpretation. Bei ihm spielt die dörfliche Enge, Katjas Gefangensein in einem starren Gerüst aus vorgeschriebenen Verhaltensmustern weniger eine Rolle als vielmehr ihre Zerrissenheit zwischen zwei Männern und die daraus sich entspinnende Spirale von Schuldgefühlen und Ängsten. Dabei lässt Zlabinger durch ausgeklügelte Interaktionen der Figuren die Frage offen, welchen Mann Katja wirklich liebt. Katja scheint in ihren seiner Mutter unterwürfig gehorsamen Ehemann Tichon und in den aufbrausend-leidenschaftlichen Boris immer die Eigenschaften zu projizieren, die sie am jeweils Anderen vermisst. Letztlich erweisen sich beide als schwache Charaktere. Aber als Katja das erkennt, ist es für sie schon zu spät: Ihr fehlt Kraft und Mut für einen Befreiungsschlag, denn der Berg aufgetürmter, scheinbarer Schuld bricht über ihr zusammen. Der Suizid ist die einzig mögliche Schlussfolgerung. Zlabinger erzählt den Weg dorthin wunderbar schlicht und schnörkellos. Er ist für Katja ohne Alternative.

Janáceks so reiche, differenzierte Musik kommt im Theater Bielefeld voll zur Geltung. Yoshiaki Kimura lässt die brutale Härte und Unsensibilität von Boris‘ Onkel Dikoj aufscheinen. Lorin Wey ist der Lehrer Wanja, dessen zeitgemäßes Gedankengut nicht ins dörfliche Leben passen will. Fast unbekümmert hat er eine Affäre mit Barbara. Marta Wryk gibt sie gesanglich wunderbar leicht, wie eine dahin schwebende Feder. Ängste beherrschen das Handeln der beiden „Männer“ der Katja Kabanowa. Und diese Ängste bringen sie mit schöner stimmlicher Flexibilität zum Ausdruck. Andrei Skliarenko als Tichon steht unter der Knute seiner Mutter und die Furcht vor deren Schläge macht er genauso erfahrbar wie lyrisch-zärtliche Momente gegenüber seiner Ehefrau. Nenad Cica (Boris) kommt als polternder Charming Boy daher, legt aber in seine Stimme ein hohes Maß an unterdrückter Wut und Ohnmacht, die die Zuhörenden förmlich anspringt. Dalia Schaechter ist die Kabanicha, Tichons Mutter. Von der ersten Geste, vom ersten Ton an beweist Schaechter größte Bühnenpräsenz und macht auch in der Tiefe ausdrucksvoll und deutlich klar: Hier bin ich, ich bin die höchste Autorität, wage keiner einen Widerspruch! Da bedarf es keiner großen Bewegungen. Erscheinung, Blicke und Stimme sind genug. Da sagt man neudeutsch wahrscheinlich „Wow“ oder staunt am besten schweigend.

Die Natur spielt in vielen Janácek-Partituren eine entscheidende Rolle - so auch in Katja Kabanowa. Hagen Enkes Chor macht, weitgehend aus dem Off singend, die Angst der Menschen vor ihnen damals nicht erklärbaren Phänomenen wie Blitzen plastisch spürbar, zeichnet auch Furcht vor Gewitter und Sturm nach. Das tun auch die Bielefelder Philharmoniker unter Gregor Rot. Und sie leuchten luzide Momente ebenso fein aus wie verhangene und dramatische. So entfalten sie die Sogwirkung der Musik, die die Zuhörenden unweigerlich in ihren Bann bringt.

Die Quintessenz der Katja Kabanowa aber zieht Heather Engebretson in ihrer Ausgestaltung der Titelpartie. Engebretson hat nicht nur deren Charakter ganz tief durchdrungen. Sie fühlt und atmet Janáceks Musik in all‘ ihren Nuancen und nutzt dabei die geradezu suggestive Kantabilität der tschechischen Sprache in Vollendung. Sie treibt ihre Katja in die höchste Verzweiflung, führt sie fein abgestuft durch jedwede Ängste und Schuldgefühle. Dabei ist ihr Sopran in jeder Lage ebenmäßig und verfügt über eine imponierende Tiefe. Auch an Kraft mangelt es Engebretson nicht. Das beweist sie in ihrem großartigen Schlussmonolog, der absolut keine Wünsche offen lässt: Ein Rollendebut, wie es hervorragender kaum hätte verlaufen können. Dazu kann man nur gratulieren.

Die Produktion ist in sich völlig stimmig. Das findet auch das Premierenpublikum und feiert alle Beteiligten. Allein wegen Heather Engebretson lohnt sich auch ein weiterer Weg nach Bielefeld.