Übrigens …

Tristan und Isolde im Theater Münster

Befreit von allen Fesseln

Das Regieteam legt sich auf keine stringente Deutung fest. Es ist kein zentraler Gedanke, der Regisseurin Clara Kalus bei ihrer Interpretation von Richard Wagners Tristan und Isolde leitet und den sie konsequent verfolgt. Kalus bietet ihrem Publikum viele Bilder an, die alle irgendwie schon den Gehalt des Werks tangieren oder zumindest streifen. Allein das Vorspiel zum ersten Akt offeriert eine Schwemme von Andeutungen, die es schwer macht, alles zu sortieren. Andererseits können Tristan-Enthusiast:innen sich mit Teilen identifizieren und sich sehr wohlfühlen in dieser Inszenierung. Bilder scheinen herum zu schweben in Videos oder werden durch Requisiten vermittelt, verfestigen sich vielleicht zu Leitfäden oder bleiben vage.

Ein fester, sehr geerdeter Kontrast dazu manifestiert sich in Dieter Richters Bühnenbildern, die aber auch dazu führen, dass Beklommenheit stetige Begleiterin von Tristan und Isolde ist. Vor allem die Burg Kareol des dritten Aktes ist ein brutalistischer Bau, der kein warmes Heimatgefühl evoziert. Er kommt vielmehr als ein Ort daher, aus dem es kein Entkommen gibt. Der zweite Akt spielt im Museum: Im Mittelpunkt steht das Gemälde "Das Floß der Medusa" von Théodore Géricault. Es ist der Hintergrund für die beschworene Liebesekstase Isoldes und Tristans. Im ersten Akt bildet der Rahmen den Grundriss von Isoldes Schiffskabine, während sich am Ende alle wie auf dem Bild auf Tristans Krankenlager positionieren. Dieses Bild spielt für Regisseurin Clara Kalus eine zentrale Rolle. Worum geht es auf dem Bild? Das französische Schiff Medusa sank vor Afrika: 147 Menschen retteten sich auf das Floß. Nach 13 Tagen gab es nur noch 15 Überlebende: Wahnsinn und Kannibalismus grassierten. Warum Kalus gerade dieses Bild an so zentrale Stelle stellt, lässt sich anhand des szenischen Geschehens nicht so einfach erschließen. Da wäre ein Mehr an Erklärung wünschenswert gewesen. Menschen in extremen Situationen, Medusa und das Liebespaar, das keine Zukunft hat, gleichzusetzen, ist etwas einfach und nicht bis ins Letzte durchdacht. Insgesamt aber werden viele Möglichkeiten geboten, graue Zellen in Gang zu setzen.

Musikalisch bleiben im Theater Münster nur wenige Wünsche offen: Anton Tremmels Männerchor poltert wunderbar aus Luken im Bühnenbild als ungeschlachte Seebären. Youn-Seong Shim und Yoogeon Hyeon singen balsamisch Hirt, Seemann und Steuermann. Melot muss einfach nur fies sein. Und das ist Ramon Karolan - nicht dunkel und abgrundtief, sondern nervös und angespannt - als könne er seine Tat selbst noch nicht begreifen. Wilfried Staber ist als König Marke gebrochen von Tristans Verrat. Das unterstreicht auch seine raue Stimme, die ausdrückt, dass er das Geschehen nicht begreifen kann.

Brangäne steht treu zu Isolde, auch wenn sie am Einsatz des Liebestranks beinahe zerbricht. Wioletta Hebrowska hat eigentlich - gerade in den unteren Lagen - die perfekte Stimme für diese Rolle, zeigt nur an wenigen Stellen in der hohen Lage Schwächen. Johan Hyunbong Choi ist ein perfekter Kurwenal, dessen tiefe Ergebenheit zu Tristan er sanft, aber auch verzweifelt vermittelt.

Brad Cooper gibt als Tristan sein Rollendebut. Das merkt man auch. Klug hält er Haus mit seiner Stimme, um die mörderische Partie durchzustehen. Das gelingt. Was fehlt ist ein nuancenreicheres Singen, das den Tristan in verschiedenen Situationen farbenreicher klingen lässt. So ist eine gewisse Gleichförmigkeit spürbar.

Kristiane Kaisers Isolde ist ohne jeden Zweifel der gesangliche Höhepunkt dieses Tristan. Höchst differenziert und in allen Lagen ausgewogen gestaltet Kaiser die liebende Frau. Am Ende ist sie nicht die ätherische Frau, die sich in die Unendlichkeit aufmacht, sondern eine freudig in den Tod Gehende, die absolute Gewissheit verbreitet - großartig.

Das Sinfonieorchester unter Generalmusikdirektor Golo Berg wurde Wagners Werk in jeder Phase gerecht mit strahlendem Blech und vollem Streicherklang. Berg hätte an einigen Stellen,die "Bremse" weiter lösen und etwas mehr Sinnlichkeit versprühen können.

Ein Tristan, der zu sehen und zu hören sich überaus lohnt. Dieser Meinung ist auch das Premierenpublikum und geizt nicht mit Applaus.