Brian lebt!
Not The Messiah - eigentlich sind die Pointen von Monty Phython's nicht doppeldeutig, sondern gerade heraus und ziemlich deftig. Der Titel dieses "komischen Oratoriums" aber weist einerseits daraufhin, dass nicht Händels Messias gesungen wird, andererseits aber darauf, dass Brian vielleicht doch nicht der wahre Messias ist.Wer aber ist Brian? Das muss jüngeren Rezipient:innen sicher erklärt werden: Legendär ist dieser Brian auf jeden Fall, seit ihn die britische Komikertruppe Monty Phython's in einem Film über sein Leben unsterblich gemacht hat. Eine Generation von Kinobesuchenden wippt unweigerlich mit den Füßen oder pfeift gleich mit, wenn der Schlusssong ertönt: " Always Look at the Bright Sight of Life". Der arme Brian - Frucht eines One-Night-Stands seiner hebräischen Mutter mit einem römischen Offizier - wird mit dem Messias verwechselt und gekreuzigt. Das ist eine absolut schräge Geschichte, die es auch heute noch lohnt anzusehen.
Und eben diese Geschichte wählen Monty-Phythons-Mitglied Eric Idle und der Komponist John Du Prez als Plot für ihr "Oratorium". Heraus kommt - wen wundert's - ein völlig irrer Abend, an dem eine Pointe die andere jagt. Das Publikum muss sich arg anstrengen, um zwischen Lachsalven noch die spritzigen Songs aufnehmen zu können.
Idle und Du Prez halten sich dabei ziemlich streng an die Form des Oratoriums: Das Orchester sitzt auf der Bühne, im Hintergrund nimmt der Chor Platz und vorn stehen fünf Gesangssolist:innen. Das ehrwürdig, "klassische" Äußere kontrastiert jedoch derartig heftig mit Thomas Pigors frech-drastischen deutschen Texten, dass diese Grundkomik den Abend beherrscht und ständig Heiterkeitsausbrüche evoziert. Und die Texte gehen wirklich bis an den Rand, wie der Chor der Hirten, die ihre Schafe vielleicht einen Tick zu sehr lieben - bis hin zum "Schäferstündchen". Außerdem gibt es ständig Augenblicke der völligen Irritation: Das Auftreten einer Transperson, die die Rahmenhandlung kolportiert, ist nur einer von vielen.
Der ganze Abend ist ein Konglomerat saukomischer Szenen, die auch mit Lokalkolorit angereichert werden. Sie rauben dem Publikum den Atem und lassen die Lachtränen in Strömen fließen. Carsten Kirchmeier, der die szenische Einrichtung besorgt, braucht nur ganz wenige Requisiten, um den Saal zum Kochen zu bringen.
Den Rest besorgt das fantastische Ensemble. Alexander Eberles Chor glänzt als sich in Judäa verirrender Bergmannschor genauso wie Daniel Jeroma als queerer Erzähler. Dirk Weilers schmeichelnder Bariton verführt Brians Mutter Mandy im Handumdrehen und Philipp Kranjcs tiefer Bass überzeugt als Aufständischer gegen die römische Besatzungsmacht. Katherine Allen weiß zielstrebig den schüchternen Brian zu entjungfern, umgarnt ihn mit gurrendem Sopran, was dessen Mutter auf die Palme bringt. Almuth Herbst überzeugt rundherum mit goldenem Mezzo als stürmisch verliebte Mandy wie als herrische Mutter. Adam Temple-Smith ist Brian. Er verkörpert ihn mit leichtem, tastenden Tenor, denn er ist in eine Welt gestoßen, die er nicht begreifen kann. Und dennoch muss er sein Leben im Zeitraffer durchlaufen, denn der frühe Tod ist programmiert. Temple-Smith meistert die Mischung aus Naivität und Begreifen großartig. Mit der Aufforderung "Jeder nur ein Kreuz" nähert sich das Ende seines Lebens zum Greifen.
John Du Prez schafft prickelnde Musik - eine Mischung aus Schlager und Musical, die die Zuhörenden vom Hocker reißt. Das ist auch das Verdienst der Neuen Philharmonie Westfalen unter Mateo Penaloza Cecconi, die aus der Verschiedenheit der Klänge einen geschlossenen Abend schweißt, der niemanden ruhig auf dem Sitz verharren lässt. Das Publikum ist komplett aus dem Häuschen. Umso erstaunlicher ist es, dass nur wenige Vorstellungen disponiert sind. Not The Messiah ist ein Muss!