Übrigens …

Platée im Theater Hagen

Der Zorn des Zimmermädchens

Es ist ein Fall von verzerrter Selbstwahrnehmung: Platée, eine im Sumpf lebende Nymphe, ist hässlich wie eine Kröte, hält sich aber für unwiderstehlich. Als Titelfigur in Jean-Philippe Rameaus Barockoper verbindet sie Einfalt mit Hybris. Liebestoll wirft sie sich der Männerwelt an den Hals, ohne zu begreifen, dass die Götter ein grausames Spiel mit ihr treiben. Denn Jupiter braucht ein Ablenkungsmanöver, um seine zerrüttete Ehe mit Juno zu retten - und inszeniert daher eine Scheinhochzeit mit Platée.

Das Theater Hagen zeigt die Gesellschaftssatire jetzt in ihrer ursprünglichen Form als Ballettkomödie. Als solche ließ König Ludwig XV. das Werk 1745 in Versailles aufführen. Anlass war die Hochzeit seines Sohnes Louis, Dauphin von Frankreich, mit der Infantin Maria Theresia von Spanien, die in historischen Berichten „eher unauffällig“ oder „nicht schön“ genannt wird. Bereits bei dieser Uraufführung übernahm ein Mann die Titelrolle: der Tenor Pierre Jélyotte, der nicht wie ein heutiger Countertenor im Falsett sang, sondern seine Höhe mit Brust- und Mischstimme produzierte.

Mit Theodore Browne konnte das Theater Hagen einen höhenstarken lyrischen Tenor für die Titelpartie gewinnen, der sonst Rollen wie Nemorino (Der Liebestrank), Ferrando (Così fan tutte) oder Tamino (Die Zauberflöte) verkörpert. Regisseurin Anja Kühnhold schickt den Sänger als Zimmermädchen im XXL-Format auf die Bühne. Sie hat die Handlung in ein Hotel verlegt, um historische Standesunterschiede in heutige Klassenunterschiede zu übersetzen. Ritual und Ridikül liegen bei ihr dicht beieinander. Mit Chor, Extrachor und Statisterie des Theaters hat sie bis ins Detail an Haltungen und Abläufen gearbeitet. Kühnhold nutzt die Dauerpräsenz der Chöre für eine Fülle feiner Studien: pantomimische Szenen, die von Neid oder Hochmut künden, von Dienstbeflissenheit oder absichtsvollem Schlendrian.

Zudem hat sie den engen Schulterschluss mit dem Choreografen Giovanni De Domenico gesucht. Wie glückreich er gelingt, zeigt sich nicht nur in den Ensembleszenen, in denen barocke Tänze wie Sarabande, Menuett, Gavotte ihren galanten Schwung entfalten. Immer wieder ist Platée von einem Quartett umgeben, das ihr Innenleben spiegelt. Wer könnte aufgekratzter um sie herumspringen als Maria Sayrach Baró und Camille Zany? Wer liebeshungriger und enttäuschter dreinblicken als Lázaro Sierra Cairo? Mit vereinten Kräften zeigen Regie und Choreografie ein Geschöpf, das zwar rüpelhaft und penetrant auftritt, aber auch Träume und ein reiches Innenleben hat. Die Ausstattung von Julia Katharina Berndt zeigt uns ein Spiel unter Arkaden, die in Stücke zerbrechen: in Kostümen, die von barocker Lebensfreude erzählen und den Charakteren Individualität verleihen.

Nicholas Kok, der als musikalischer Alleskönner gilt, ist am Pult des Philharmonischen Orchesters Hagen kein Unbekannter. Unter seiner Leitung entfaltet Rameaus farbenreiche Partitur ihren Zauber: Die Windmaschine facht Sturmmusiken an, in denen der Regen pladdert und der Donner rollt. Es gibt Vogel- und Eselsrufe, sogar einen quakenden Froschchor. Bei aller Lautmalerei wahrt das Orchester doch die Eleganz, lässt die Klänge von Theorbe und Cembalo fein durch die Textur schimmern. Das kleine Barockfest wäre perfekt, wenn die Gesangssolisten das gleiche Niveau durchhalten könnten. Spezialisten kann das Haus indes nicht aufbieten, und so erhält die gelungene Produktion sängerisch ein paar kleine Dellen: Dem einen fehlt es an Volumen, der anderen an Geläufigkeit, einem dritten an entspannter Höhe.

Zusammen sind sie gleichwohl großartig: Angela Davis als glamouröse Thalie (und La Folie), Anton Kuzenok als rührig-listenreicher Thespis (und Merkur), Dong-Won Seo als stimmlich autoritärer Jupiter, Hyejun Melania Kwon als seine würdevoll ergraute Gattin Juno, engagiert und liebevoll umrahmt von etlichen kleineren Rollen. Theodore Brown aber macht aus dem Nymphchen einen Nymphomanen von fast beängstigender Bühnenpräsenz: Wenn er als Platée losmarschiert, würde selbst Wagners streitbare Fricka den Kopf einziehen. Wie dieser Sänger stimmlich und darstellerisch mit Willensstärke auftrumpft, wie er Autorität und Komik fast gewaltsam zusammenführt, brennt sich ins Gedächtnis.

Nachdem jeder Herrschaftsanspruch sich für Platée in Luft aufgelöst hat, wird sie als die Witzfigur behandelt, die sie von Beginn an war. Allen, die sie nun verlachen, schwört sie finstere Rache. Zum Glück gibt es dergleichen ja nur auf der Bühne.