Übrigens …

Die Fritjof-Saga im Essen, Aalto-Theater

Wenn Frauen lieben

Gerade wird gemeldet, dass in Köln eine römische Gebetsstätte ausgebuddelt worden ist - eine Sensation nördlich der Alpen. Ganz so tief musste man am Essener Aalto-Theater nicht graben. Und ganz so sensationell ist der Fund letztlich auch nicht. Dennoch hat sich die szenische Uraufführung von Elfrida Andrées Fritjof-Saga gelohnt (in der im zweiten Akt auch eine Gebetsstätte in Form eines Tempels Schauplatz des Geschehens ist). Auch die Librettistin ist durchaus prominent. Denn keine Geringere als die spätere Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf liefert die Textgrundlage für diese skandinavische Heldensage. Gedacht war das Werk als Wettbewerbsbeitrag zur Eröffnung der Stockholmer Oper - kam aber nicht zum Zuge und fristete danach viele Jahrzehnte ein Dasein in diversen Schreibtischschubladen.

Das Licht der Öffentlichkeit erblickt die Fritjof-Saga also jetzt (nach fragmentarischen konzertanten Aufführungen in Schweden) in Essen. Worum geht es eigentlich? Ingeborg, die Schwester des Königs verliebt sich in dessen Vasallen Fritjof. Der ist der Typ des ungestümen jungen Wagner-Siegfrieds und wird vom König auf eine Abenteuer-Reise geschickt, um ihn erst einmal aus dem Weg zu schaffen. Dann verliert der König einen Krieg und gibt dem Sieger Ingeborg zur Frau. Des Königs Gattin Guatemi versucht derweil, einen heidnischen Gott gegen einen anderen auszutauschen, um die Macht zu festigen. Sie entfacht zu diesem Zweck auch allerlei Intrigen. Am Ende gibt der alternde Gatte Ingeborgs vor seinem Tod Macht und Sorge für sein Königreich in die Hände seiner Frau und ihres Geliebten Fritjof.

Braucht man einen solchen sagenhaften Stoff heute auf der Bühne? Das Team um den musikalischen Leiter Wolfram-Maria Märtig und Regisseurin Anika Rutkofsky meint, dass dem so sei. Sie entdecken nämlich aktives weibliches Handeln im Plot - eine wirklich große Ausnahme im Opernrepertoire. Und dem Team gelingt es überzeugend, diese weibliche Eigenständigkeit sehr sensibel und ohne jeglichen eingesetzten Holzhammer herauszuarbeiten. Guatemi will Fuß fassen in einem ihr fremden Land. Sie glaubt, dies mittels eines „Imports“ ihrer heimischen, finnischen Gottheit schaffen zu können. Und wo der Druck der Religion noch nicht ausreicht, ist sie bereit, höfische Kabalen zu nutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Ingeborg ist das Gegenteil. Sie fügt sich dem Willen ihres Bruders, heiratet den alten, fremden König und bringt ihrem Volk dadurch Frieden. Rutkofsky macht aber deutlich klar, dass das kein sich willenloses Fügen ist, sondern eine bewusste Entscheidung. Die lässt Ingeborg von niemanden in Frage stellen.

Aber auch sonst gibt es eine Menge zu entdecken auf der Bühne: Kostümbildnerin Bente Rolandsdotter treibt mit Wikinger-Hörnerhelmen das Geschehen immer wieder in Richtung einer Wagner-Parodie. Bisweilen fühlt man sich wie in einer Aufführung der ersten Bayreuther Festspiele. Da ist Schmunzeln garantiert.

Elfrida Andrées Musik enthält deutlich Anklänge an Mendelssohn Bartholdy, Schumann und Brahms. In der ersten beiden Akten scheinen Andrées kompositorische Mittel überschaubar: viel Chromatik, viel verminderte Septakkorde und alterierte Harmonien - dies alles wiederholt sich. Doch nach der Pause folgt ein unglaublich starker dritter Akt. Der hat es sowohl inhaltlich als auch kompositorisch in sich. Bis auf das Letzte durchgearbeitet und in der musikalischen Motivik reichhaltig, bietet er musikalische Stringenz und Vielfalt, hohe Spannung. Das ist schlicht ausnehmend gut instrumentiert und klanglich begeisternd. Möglicherweise hat Andrées Partitur davon profitiert, dass sie die erste Version von 1895 elf Jahre später noch einmal umgearbeitet und erweitert hat.

Wie nicht anders zu erwarten, singt das Ensemble des Essener Aalto-Theaters auf hohem Niveau. Alle kleinen Rollen sind perfekt besetzt: Hervorzuheben ist da Almerija Delic als Die Alte, die mit wunderschönem tiefsatten Alt in ihren Bann ziehen kann. Friedemann Röhlig als Ingeborgs Bruder Helge legt in seine Stimme eine gute Portion Unentschlossenheit und mangelndes Selbstbewusstsein. Andreas Hermann ist stimmsicher der alte König Ring und kann die Überdrüssigkeit, die das Ende des Lebens herbeisehnt, hervorragend zum Ausdruck bringen. Der Titelheld ist Fritjof: Mirko Roschkowski schafft es, das Ungestüme des Charakters lebendig herauszuarbeiten. Seine Partie ist streckenweise eine mörderische: Andrée fordert einen Heldentenor, der auch hohe und höchste Lagen mühelos meistern sollte. Das gelingt Roschkowsky fast immer!

Deirde Angenent kann Guatemis Unsicherheit, aber auch die Entschlossenheit, eigenständig handeln zu wollen, ergreifend nahebringen. Denn sie legt ein Flackern in ihre Stimme, das betroffen macht. Ann-Kathrin Niemczyk ist eine umwerfend singende Ingeborg, die Standhaftigkeit und das Stehen zu ihren Entscheidungen mit wunderbar runder und fester Stimme zum Ausdruck bringt, unter der die glutvolle Liebe zu Fritjof stets präsent ist. Ihre Töne im Piano-Bereich: an Ausdruckskraft kaum zu überbieten!

Schließlich begeistert auch der Opernchor unter Bernhard Schneider einmal mehr durch präzisen Gesang und schier unbändige Spielfreude.

Die Essener Philharmoniker holen unter Wolfram-Maria Märtig alles heraus, was Elfrida Andrées Partitur an schillernden Farben, an Kraft nicht weniger als an intimer Atmosphäre bietet: Musik von letztlich doch großer Vielfalt - und auf der Höhe der Zeit ihrer Entstehung.