Übrigens …

Francesca da Rimini / Gianni Schicchi im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Schöne Grüße aus der Hölle

Francesca da Rimini? Ist doch eine Tondichtung von Tschaikowsky, oder? Stimmt natürlich, doch die blutige Episode aus Dantes Göttlicher Komödie hat auch den Komponisten Sergej Rachmaninow inspiriert: zu einer kurzen Oper nach einem Textbuch von Tschaikowskys Bruder Modest. Im Gelsenkirchener Musiktheater bildet sie nun den ersten Teil eines Doppelabends mit Puccinis heiterem Einakter Gianni Schicchi: Tragödie und Komödie aus Dantes Hölle.

Wie naheliegend diese kühne Kombination tatsächlich ist, deuten schon die ersten Töne aus dem Orchestergraben an. Denn Rachmaninow nutzt hier jene Seufzermotive, mit denen sich später Puccini über die heuchlerischen Erbschleicher in seinem Stück lustig macht, um eine düstere Stimmung zu malen, die sich unter der Leitung Giuliano Bettas zu dramatischen Ausbrüchen steigert. Und die Täuschungsmanöver, die bei Gianni Schicchi für den Witz sorgen, sind hier Ausgangspunkt eines Rachedramas: Titelheldin Francesca wurde mit einem Mann verheiratet, der sich bei der Zeremonie durch seinen Bruder vertreten ließ. Den liebt sie nun, was den eigentlichen Gatten zur Raserei treibt.

Die Hölle, die das erhöhte und extrem sängerfreundliche Cinemascope-Bühnenbild von Julia K. Berndt zeigt, ist ein kalter Schreckensort mit Kacheln und Neonröhren. Regisseur Manuel Schmitt lässt hier ganze Scharen von Frauen die Brutalität geschniegelter Männer erleiden, und der mächtige Lanciotto ersinnt eine Intrige, um Ehefrau Francesca und seinen Bruder Paolo in flagranti zu ertappen, was zum ultimativen Mord führt. Das Regiekonzept weitet auf drastische Weise den Blick von der Einzeltat zum allgemeinen Schreckensphänomen der Femizide; Rachmaninows Musik bietet dazu in der Kombination von Orchester- und Chorklängen einen emotional aufpeitschenden Rahmen. Großartig, wie die Neue Philharmonie Westfalen das packende Crescendo von der Innigkeit des Liebespaares zum Fluch des Lanciotto gestaltet; Bariton Simon Stricker bietet in seiner Interpretation enorme Wucht auf, ohne die Gesangskultur zu vernachlässigen. Das Bühnenbild hat sich währenddessen nahezu unmerklich verschoben und zeigt nun zwischen den Wand-Elementen eine Tür mit „Exit“-Schild - doch der Höllen-Ausgang bleibt verschlossen.

So stimmig die Entscheidung ist, diese Bühne für Gianni Schicchi beizubehalten: Den von Puccini beschworenen Zauber von Florenz bietet sie nicht. Der wesentliche Gag für die charmante Betrugsgeschichte liegt in den Kostümen von Carola Volles. Denn während die toskanische Familie, die weniger um ihr verblichenes Oberhaupt als um dessen an die Kirche vererbte Besitztümer trauert, adrett in Anzug und Kostümchen daherkommt, mischt ein Jogginganzug-Prolet mit Goldkettchen sie auf. Dieser Gianni Schicchi ersinnt eine List, um das Testament zu fälschen, schiebt sich selbst aber den Löwenanteil zu und hält die Familie mit dem Hinweis auf drohende Strafen für den gemeinsamen Betrug in Schach. Was den Regisseur Manuel Schmitt, der mit dem großen Ensemble ein Feuerwerk komischer Gesten abbrennt, leider nicht davon abhält, ihn mit einer Pistole fuchteln zu lassen. In seiner Spiellust, die er offenbar mit dem souverän koordinierenden Dirigenten Giuliano Betta teilt, neigt er zu Übertreibungen: So lustig es etwa ist, die Zeugen des Notars mit einem Uralt-Computer anrücken zu lassen, so ausufernd wird dieser Witz breitgetreten und lenkt vom Titelhelden ab, den Benedict Nelson stimmlich und mimisch mit den passenden Facetten gibt. Unter den anderen Sängern ragen Almuth Herbst als schräge, aber punktgenau akzentuierende Zita und Heejin Kim als Lauretta heraus, die ihr „O mio babbino caro“ so überlegen singt, dass sie in der Premiere fast von unpassendem Applaus unterbrochen worden wäre.

Titelheld Gianni bittet am Ende, da er sich mit seiner Schlitzohrigkeit natürlich Dantes Hölle verdient hat, um mildernde Umstände. Kein Problem, wie der große Beifall für dieses besondere Operndoppel eindrucksvoll zeigt.