Der Wind macht das Fähnchen im Bonn, Theater

Beieinander, aber nicht zusammen

Am Anfang ist Tim drei Jahre alt, Sibylle fünf. Sie streiten sich, übertrumpfen einander, wie kleine Kinder das eben machen. Was sich liebt, das neckt sich. Das ist sehr charmant und lustig. – Am Ende hat Sibylle ihr Studium abgebrochen und verdient a helluva lot of money mit einem Modelabel, das es nur im Internet zu kaufen gibt – ein In-Label wie Abercrombie & Fitch: sieht scheiße aus, ist aber mittels Beschränkung der Vertriebswege gehypt und somit cool. Auch der zwischendurch depressive Tim hat am Ende einen Job. Den er ungerührt ausübt – Familie hin oder her.

Am Anfang herrscht die alltägliche, harmonische, wenngleich ein wenig spießige Familien-Idylle. Am Ende rauben die Eltern die Kinder aus, und einer lässt die anderen verhaften. Wir haben den Zerfall einer Familie erlebt – einen Zerfall, beschleunigt durch Arbeitslosigkeit, durch Fokussierung auf materielle Werte, durch Egoismus und rücksichtslosen Individualismus. „Sie sitzen beieinander, aber nicht wirklich zusammen. Das ist sie. Meine Familie. Mein ganzer Stolz.“ Der ironische Unterton in Tims Schlussworten, die auf Vaters Eingangssentenzen zurückgreifen, ist nicht zu überhören. Die Bitterkeit auch nicht. Wir haben viel gelacht.

Philipp Löhle hat eine Komödie geschrieben, ein „Einfamilienstück“. Eine Komödie, die hochamüsant beginnt, aber später immer tragischer wird. In typisch Löhlescher Überzeichnung wird sie zur Farce – aber auch zur Parabel. Wenn Papa, Mama, Sibylle und Tim durch Tiere ersetzt würden, wäre sie eine Fabel: Bis kurz vor Schluss verbleibt die Handlung des Stücks ausschließlich im Mikrokosmos der Familie, aber denken wir uns anstelle der Familie die Gesellschaft, so haben wir ein Stück über den Zerfall der gesellschaftlichen Solidarität, über die Abwendung vom „Miteinander“ hin zum „Gegeneinander“ und die dramatischen Folgen dieser Entwicklung: Es herrscht „Bürgerkrieg. Der Krieg der Bürger untereinander“, statt Klassenkampf findet Einzelkämpfertum statt. „Für andere zurückstecken - das wollte keiner.“

Der Wind macht das Fähnchen, eine Auftragsarbeit für das Theater Bonn, ist nicht Löhles stärkstes Stück; es ist nicht so intelligent verschachtelt und voller verblüffender Wendungen wie z. B. die genialische Globalisierungskomödie Das Ding. Aber es ist immer wieder frappierend, mit welcher Leichtigkeit es dem fabelhaften Jung-Autor gelingt, politische, wirtschaftspolitische oder soziale Zusammenhänge in scheinbar harmlos daherkommende, ganz einfache und höchst vergnügliche private Geschichten zu kleiden. Die wirken so leicht, so luftig, haben einen solchen Wortwitz, dass man schnell Gefahr läuft, sie zu unterschätzen – aber sie stecken voller Brisanz und zünden zweimal: spontan wegen ihrer Rasanz und ihrer komödiantischen Qualitäten und mit Zeitverzug noch einmal wegen ihres politischen Inhalts. Auch diesmal wechseln sich Komik und Tragik, Witz und Poesie, Depression und Melancholie auf wunderbar leichte Weise ab, und gegen Ende findet Löhle wieder zu den hanebüchenen Übertreibungen, die seine Stücke so faszinierend machen. Löhle hat sich eine neue Version vom Tod eines Handlungsreisenden einfallen lassen – Vater ist im Außendienst tätig, aber zweimal wird er arbeitslos. Beim zweiten Mal verschweigt er dies, wie Willy Loman: beim Debut hatte es schließlich die Familie auseinandergerissen. „Als wäre die Arbeit das Öl für den Motor der Familie…“ – Beim zweiten Mal ist da nicht mehr viel auseinanderzureißen. Papa arbeitet – oder tut so als ob, Mama arbeitet (keiner ahnt, wo), Sibylle lernt zur Abiturvorbereitung, organisiert den Abi-Ball und den Abi-Gag, nimmt praktisch nicht mehr an der familiären Kommunikation teil – und Tim zieht sich vereinsamt, unbemerkt vom Rest der Familie, in den Keller zurück, um depressive Gedichte zu schreiben. Der Vater träumt sich immer wieder zum König von Nauru, einer Pazifik-Insel: drittkleinster Staat der Erde mit knapp 10 000 Einwohnern und einstmals einer der reichsten aufgrund hoher Phosphatvorkommen, aber nach deren fast vollständigem Abbau wirtschaftlich darniederliegend auf dem Niveau eines Entwicklungslandes - welche Parallele zu dem an die Weiterentwicklung durch Internet etc. nicht anpassungsfähigen und –willigen Vater und dessen wirtschaftlichen Niedergang

Regisseur Dominic Friedel, früherer Studienkollege von Löhle, lässt das alles in einer Art armem Theater spielen: auf einer Mini-Bühne, mit wenigen, einfach zusammengebastelten Requisiten. Er lässt dem Text Raum, zu Beginn aber auch reichlich viel Zeit zu wirken: Löhle-Texte müssen rasant gespielt werden, mit schnellen Szenen-Wechseln. Geschickt zeigt Friedel die verschiedenen gedanklichen Ebenen des Stücks auf: Familie/Erziehung, die Bedeutung der Arbeitswelt, die gesellschaftliche Problematik. Rolf Mautz spielt den Vater mit lakonischer Zurückhaltung: harmoniebedürftig, aber kaum fähig, eigene Emotionen zu zeigen. Birger Frehse überzeugt in seinem Wandel vom schlagfertig-vorlauten Kind zum fast autistischen, psychisch auffälligen Jugendlichen – und zum ungerührten Exekutor seiner Pflichten in der Schlusspointe: „Konsequenz“ hatte Vater schließlich früher immer eingefordert. Und Philine Bührer ist die junge Frau, die ohne viel Worte sich konsequent löst aus den Abhängigkeiten in der Familie, die lernt, sich abzugrenzen und ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen – als Einzelkämpferin. Da ist bei aller Übertreibung so manches, was uns bekannt vorkommt. In der Familie und in der gesellschaftlichen Realität. Langer, langer Applaus.