Der Sturm im Oberhausen, Theater

Operation Küstensturm

Als vor zwei Jahren im Rahmen des prestigiösen Projekts der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 alle sechs Ruhrgebiets-Stadttheater jeweils eine Uraufführung zur Odyssee anboten und diese im Rahmen einer großen inszenierten Theaterreise an einem Wochenende zeigten, war Penelope am Theater Oberhausen, das Drama des irischen Dramatikers Enda Walsh, diejenige Aufführung, die am stärksten polarisierte. Viele Zuschauer hielten Tilman Knabes kraftvolle, laute, trashige Inszenierung über die gammeligen, in 20 Jahren Wartezeit teils drogenabhängig gewordenen Freier im Swimming Pool der Familie Odysseus für die stärkste Aufführung der Reihe, viele verteufelten sie als grobschlächtige, schlechte Kopie der Berliner Volksbühnen-Ästhetik. Jetzt ist Regisseur Tilman Knabe zurückgekehrt ans Theater Oberhausen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass seine Shakespeare-Inszenierung erneut das Publikum spaltet. Schließlich wird das Stück in der die Erwartungshaltung der Zuschauer determinierenden Literaturwissenschaft als Komödie geführt. Der Sturm des Herrn Knabe aber ist eher eine militärische „Operation Küstensturm“ denn ein zauberhaftes Märchen-Spiel auf romantisch-exotischer Abenteuer-Insel. Knabes Konzept überzeugt: Wer Gewalt sät und exportiert, wird Gewalt ernten – und kommt aus der Spirale nie wieder heraus.

Wie schon bei Penelope hat Kaspar Zwimpfer eine großartige Bühne gebaut – ein am Hang um eine imaginierte Bucht gebautes Dorf, dessen Anblick von vornherein jede Illusion von Märchenwald-Romantik zerstört. Vor unseren staunenden Augen erhebt sich eine tropische Wellblech- und Bretterbuden-Siedlung von zutiefst heruntergekommenem Charme – es ist die nur mit einiger Verdrängungskunst als malerisch zu bezeichnende Reproduktion eines Slums, den wir als Touristen mit verdammt schlechtem Gewissen fotografieren würden.

Ganz oben allerdings befindet sich eine moderne Kommandozentrale, in der wir zu Beginn per Video den Schiffbruch verfolgen. Dort herrscht Prospero, der Gebieter der Insel. Von dem Outfit eines Herzogs von Mailand, der er ja rechtmäßig wäre, ist wahrlich nichts übrig geblieben: Jürgen Sarkiss gibt den Prospero als eine düstere Gestalt in afghanischer Tracht, mit wucherndem Taliban-Bart und höchst uncharmantem autoritärem Gebaren – dieser Mann ist gefährlich, unterschwellig aggressiv, und was auch immer ihn ideologisch umtreiben mag: Zum Lachen geht der in den Keller. – Für seine Zauberkunst ist Ariel zuständig: ebenfalls alles andere als der süße Shakespearesche Luftgeist. Bei Susanne Burkhard ist Ariel eine eiskalte Assistentin der Macht, die Befehle und Zaubertricks per flüchtiger Berührung des Touchscreens ihres nagelneuen Tablet-PCs ausführt – eine wundersame Mischung aus Tamara Jagellovsk vom Raumschiff Orion, kühl kalkulierender Chef-Sekretärin und „Landshut“-Entführerin Souhaila Andrawes Sayeh.

Zum Taliban gehört Caliban, laut Shakespeare „ein wilder und missgestalteter Sklave“, den wir in so vielen romantisierenden Inszenierungen als unglücklichen, leicht gehandicapten Knuddel-Wilden sahen. Knuddeln würden wir Torsten Bauer nicht: Sein Caliban ist ein unheilschwangerer, meist gebeugt vor sich hin wuselnder, kräftiger Bauarbeiter mit Tattoo, um den herum es zu Beginn geothermisch zischt und knallt. Nach der versuchten Vergewaltigung von Miranda zum Sklaven degradiert, schleppt er am laufenden Band nicht sehr vertrauenerweckend aussehende Benzinkanister durch die Gegend: Für diese Shakespeare-Insel dürfte das Auswärtige Amt längst eine Reisewarnung erlassen haben – Anschläge à la Kabul oder Kundus nicht ausgeschlossen.

Vertrauenerweckend wirkt hier so recht keiner – außer Miranda, die erstaunlicherweise beim scheinbar zum Fundamentalisten mutierten Papa Prospero in Hot Pants und knappem Blüschen rumlaufen darf und bei Angela Falkenhan ein naives blondes süßes westliches Girlie ist – ein Wunder, dass sie sich in dieser bedrohlichen Atmosphäre ihre gute Laune bewahrt und ihre westliche Sozialisation behauptet. Eindeutig positiv gezeichnet ist auch Martin Hohners Ferdinand: Naiv wirkt zwar auch er, aber so toll wie er tanzen kann, leuchtet ein, dass Miranda sich spontan in ihn verliebt. Was ihm erstmal einen Schuss ins Knie durch Prospero und einen längeren Aufenthalt im dunklen Bretterbuden-Knast einbringt.

Apropos Schuss ins Knie: Pistolen haben sie fast alle auf dieser zauberhaften Insel: Ariel hat eine, die Schiffbrüchigen aus Mailand und Neapel, die sich als Militärs entpuppen, haben welche, und die Geister treten gar am Ende mit Maschinengewehren auf, oder als orientalische Gudrun Ensslins mit Sprengstoffgürtel. Aus dem Traum, als den man den Sturm inszenieren kann, wird ein Alptraum – wahlweise eine Räuberpistole. Ein Spiel um Rache (Ex-Herzog Prospero gegen Antonio und sein Gefolge, die ihn einst gestürzt haben), mehr aber ein dunkler Fingerzeig auf die Gewaltspirale, die aus kolonialistischen Attitüden und aus dem Kampf um die politische Vorherrschaft zu Lasten und auf dem Boden der Dritten Welt entsteht.

Ein Entrinnen gibt es da nicht. Ein Happy End auch nicht. Wenn Prospero gegen Ende gnädig den Königssohn Ferdinand befreit, um ihn seiner Tochter Miranda zuzuführen, wenn er Rache und Magie abschwört und sich wieder dem Leben in westlicher Zivilisation zu stellen verspricht, dann rasiert er sich den Taliban-Bart ab und kleidet sich auf offener Bühne um. Aus dem fundamentalistischen Tropenherrscher wird der nicht weniger furchterregende Chef einer Militär-Diktatur. Caliban sowie Trinculo und Stephano, die Clowns so mancher Shakespeare-Inszenierung, die sich in einer Nebenhandlung mit Caliban zur Ermordung Prosperos verschworen hatten, werden nicht begnadigt, sondern erschossen. Wie hatte Caliban gesagt: „Die Insel ist voll Lärm, voll süßer Lieder, die niemand Schaden tun…“