Amphitryon im Oberhausen, Theater

Auch der Olymp ist öde ohne Liebe

Die Bühne ist eine spiegelnde, glatte Aluminiumfläche, deren Grenzen von oben durch ein Rechteck von Neonröhren gesetzt werden. Es gibt keine Requisiten, nur ein mobiles, rotes Absperrband zwischen zwei glänzenden Metallstangen, wie man es vom Flughafen her kennt. Die Akteure kommen nacheinander auf die Bühne und bleiben die ganze Zeit präsent. „Strangers in The Night“ wird angespielt.

Der junge Regisseur Sarantos Zervoulakos, in Thessaloniki geboren und in NRW aufgewachsen, inszenierte vor einem Jahr in Oberhausen Goethes Iphigenie auf Tauris. Jetzt nahm er sich Kleists Lustspiel Amphitryon an. Er konzentrierte sich auf den Originaltext, ohne ihn zu verändern. „Ich glaube nicht, dass rigoroses In-Slang-Setzen ein Stück jünger macht“, so Zervoulakos. Hierzu passt auch das schnörkellose Bühnenbild ohne grelle Effekte.

In diesem Stück kreist alles um die zentrale Frage „Wer bin ich?“ Jupiter, der höchste Gott, hat mit Alkmene eine beglückende Nacht verbracht, nachdem er die Gestalt ihres Ehemannes, des thebanischen Feldherrn Amphitryon, angenommen hat. Amphitryon kehrt am nächsten Morgen aus der Schlacht zurück und muss entgeistert feststellen, dass er angeblich schon angekommen und seine Identität schon vergeben ist. Ähnlich geht es seinem Diener Sosias, den der Gott Merkur imitiert. Allgemeine Verwirrung führt zu manch turbulenter Szene. Nur die Zuschauer wissen Bescheid und verfolgen mit Vergnügen das Geschehen auf der Bühne.

Zervoulakos hat bewusst die Doppelgänger mit sehr unterschiedlichen Darstellern besetzt, so dass Kleists Intention, die Frage nach der Ich-Identität, noch klarer akzentuiert wird. Wie zuverlässig sind Fremd- und Selbstwahrnehmung? Wenn Alkmene sich in der Schlussszene für den wahren Amphitryon entscheiden soll und sie, die ihr Gefühl für unfehlbar hielt, den Gott in der Gestalt Amphitryons wählt, nicht ihren Ehemann – dann ist dieses Scheitern zugleich tragisch und komisch.

Klaus Zwick spielt Sosias als komödiantisch-tolpatschigen, stets um die Gunst seines Herrn bemühten Diener. Glaubhaft seine Verwirrung ob des Doppelgängers („Wie finde ich jetzt aus dem Labyrinth?“), den Peter Waros (Merkur) überzeugend gibt. Martin Hohner ist ein jugendlicher Jupiter. Ihn wie auch Merkur zieren Flügeltatoos auf dem Rücken – Insignien der Götterzunft? Beide sind wesentlich jünger als die Menschen, deren Platz sie vorübergehend einnehmen. An sich ein guter Einfall. Doch Hohner spielt Jupiter ein wenig zu oberflächlich plaudernd. Und so glaubt man es kaum, dass Alkmene (Elisabeth Kopp im weißen Sommerkleid) ihm so verfiel. Henry Meyer ist ein unauffälliger Amphitryon, der sich wacker bemüht, der Lage Herr zu werden. Dem man aber eine tiefe Verzweiflung kaum anmerkt. Sosias’ Frau Charis wird von Maja Kuhl (in schwarzem Kostüm) gespielt. Amüsant und witzig parliert sie mit ihrem um Einiges kleineren Ehemann Sosias.

„Amphitryon“ – in Oberhausen ein Abend, der dem Zuschauer das Problem der Identitätsfindung durch das sehr abstrakte Bühnenbild und durch die geschickt gewählten Doppelgängerpaare gut vor Augen führt. Eine Inszenierung aber auch mit manchen Längen, in denen der Text eher abgespult wurde.