Der goldene Drache im Theater Krefeld

Szenen aus dem Mikrokosmos der illegalen Migranten

Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, ist der meist gespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Seine gut zwei Dutzend Stücke werden in mehr als 40 Ländern gespielt und regelmäßig werden neuer Werke  zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Der goldene Drache in einer Aufführung des Burgtheaters Wien (die Uraufführung fand dort 2009 statt) gewann 2010 den Mülheimer Dramatikerpreis. Im selben Jahr kürte das Theatermagazin „Theater heute“ den Goldenen Drachen zum besten Stück des Jahres.
Typisch für Schimmelpfennig ist seine „Short-Cut-Dramaturgie“, d.h. kurze Szenen mit schnellen Schwenks und Schnitten, mit Überblendungen folgen aufeinander, Bewusstseins- und Wahrnehmungsebenen wechseln ständig.
Auch beim Goldenen Drachen erleben wir einen thematisch spannenden Reigen von Episoden, die Alltagsgeschichten stückchenweise erzählen, welche sich alle um eine zentrale Handlung ranken.

Thema des Stücks ist die elende Situation von illegal in einem westlichen Land lebenden Migranten, eine der vielen Folgen der Globalisierung. Ort des Geschehens: das China-Thai-Vietnam-Restaurant „Der goldene Drache“. In der Küche quält sich ein junger Chinese mit Zahnschmerzen. Um ihn herum das geschäftige Treiben im Lokal. Bestellungen gehen ein, Gerichte wie China-Nudeln aus dem Wok oder Thai-Curry müssen serviert werden. Zum Arzt gehen kann der junge Mann nicht, hat er doch keine Papiere. So sehen sich die anderen Köche gezwungen, den kariösen Schneidezahn mit einer Rohrzange zu entfernen. Der blutige Zahn fliegt durch die Luft, um in einer Schale mit der Suppe Nr. 6 (Thai-Suppe, scharf) zu landen. Inga, einer der beiden Flugbegleiterinnen, die im Haus wohnen und die sich nach einem langen, anstrengenden Flug eine Mahlzeit im Schnellrestaurant gönnen, verschlägt dies natürlich den Appetit. Schlimmer wahrlich die Folgen für den jungen Chinesen, der elend verblutet und dessen Leichnam von einer Brücke in den Fluss geworfen wird.

Schimmelpfennig hat diese zentrale Geschichte verwoben mit zahlreichen Episoden, die mit Bewohnern des Hauses zu tun haben, in dem das Schnellrestaurant ist. Fünf Schauspieler müssen dabei ständig von einer Rolle in die andere schlüpfen. Wobei sie, so die Vorgabe des Autors, gegen ihr Geschlecht und ihr Alter anspielen müssen, d.h. Frauen spielen Männerrollen, Männer Frauen, Alte Junge und umgekehrt. Ein Verfremdungseffekt, der mitunter komische Wirkungen erzeugt. So wird die Enkelin, die ihren Großvater besucht und ihm von ihrer ungewollten Schwangerschaft berichtet, von Eva Spott, einer etwas älteren Schauspielerin, verkörpert. Ronny Tomiska, ein junges Ensemblemitglied, spielt den alten Mann. Helen Wendt überzeugt als junger Chinese und als aggressiver „Mann im gestreiften Hemd“, der von seiner Frau (gut: Christopher Wintgens) verlassen wurde, weil sie sich in ein Mitglied ihres Chores verliebt hat. Eva Spott gibt zusätzlich den Lebensmittelhändler Hans, der in seiner zum Warenlager umfunktionierten Wohnung eine junge Chinesin als Zwangsprostituierte hält. Zugleich auch die strenge Ameise, die die schludrige Grille (Ronny Tomiska sehr anschaulich mit Grillenmaske) im Winter aufnimmt und ihr Nahrung gibt. Nicht, ohne eine Gegenleistung einzufordern.

In Krefeld wird das Spiel hauptsächlich in einem großen Glaskasten gezeigt. Die Stimmen der Schauspieler, hier wäre noch Daniel Minetti zu nennen, werden durch Mikroport verstärkt. Der Komponist und Musiker Gregor Schwellenbach hat einen „Soundtrack“ für die Produktion komponiert und spielt während der Vorstellung live. Stimmungen bzw. Stimmungswechsel sollen so betont werden. Leider ist das nicht immer der Fall, im Gegenteil. Durch die ständige musikalische Untermalung verliert der Text zuweilen an Aussagekraft, wird vieles in gewisser Weise nivelliert. Die Spannung geht häufig verloren. Schade bei diesem brisanten Thema: der Bestandsaufnahme, wie unsere Gesellschaft mit Migranten und anderen Menschen mit existentiellen Problemen zu schaffen macht.