Hiob im Neuss, Rheinisches Landestheater

Stark erzählt

Seit es in Nordrhein-Westfalen das Zentralabitur gibt, werden für jeden Jahrgang zwei Theaterstücke ausgewählt und verbindlich im Lehrplan festgeschrieben. Besonders kleinere Theater setzen diese Stücke dann gerne auf den Spielplan. Sie schlagen damit etliche Fliegen mit einer Klappe, zeigen ihre Qualitäten als Bildungsinstitution, stärken die Beziehungen zu den Schulen und rekrutieren – im besten Falle – neues Stammpublikum. Für den Jahrgang 2014 steht neben Goethes Iphigenie und Schillers Kabale und Liebe Joseph Roths Roman Hiob auf der Agenda, was die kompetente Theaterfassung des Belgiers Koen Tachelet, zur Zeit Dramaturg der Münchner Kammerspiele, zu einer begehrten Spielvorlage macht.

Hiob erzählt die Geschichte des streng jüdischen Talmud-Lehrers Mendel Singer und seiner Familie, die in ärmlichen Verhältnissen in Galizien lebt und weder Wohlstand noch Zufriedenheit kennt. Menuchim, der jüngste Sohn, ist schwerer Epileptiker, die anderen Kinder sind dadurch, dass sie von der nicht jüdischen Welt fern gehalten werden, naiv und lebensuntüchtig. Roman und Stück erzählen die Entwurzelung und das Zerbrechen der Familie, die Mendel Singer als große, unverdiente Strafe begreift. Nach dem Tod der Frau und eines Sohnes – der zweite ist im Krieg verschollen – und schwerer Umnachtung der Tochter, bleibt der ins ihm fremd bleibende New York verpflanzte Mendel allein zurück, wütet gegen sich und Gott. Er kommt zu sich, wird wieder soziales Wesen und nimmt die Verantwortung für sein Leben auf sich. Der seinerzeit wegen seiner Erkrankung zurück gelassene Menuchim ist wie durch ein Wunder gesund geworden, hat als Musiker Karriere gemacht und nimmt seinen Vater zu sich.

Die Inszenierung von Bettina Jahnke erzählt die Geschichte kraftvoll, oft nuanciert und eminent sorgfältig. Das Schwergewicht liegt auf Roths Sprache, die schön, präzise und nie exaltiert über die Rampe kommt, wie eingebettet in oft, aber nie penetrant vorherrschendes Schweigen – und die von der durchgängig auf der Bühne präsenten Violinistin Zsuzsa Debre gespielten Musik von Boris Vuletic.

Der Raum von Juan Leon mit seinen Holzlatten, dem Stuhlhaufen und der Himmelsleiter in der Mitte ist sehr klar strukturiert.

Es wird hervorragend gespielt und gesprochen in Neuss. Das siebenköpfige Ensemble arbeitet auf hohem Niveau. Im Zentrum steht Joachim Bergers Mendel. Er spielt ihn souverän und furchtbar konzentriert, vor allem im In-sich-selbst Zurückziehen; ein warmer, aber unnötig harter Stein, an dem alles abprallt, den nichts durchdringt. Die Wandlung der Figur am Ende des sehr langen Theaterabends vollzieht Berger sehr subtil, fast intim. An seiner Körperlichkeit ändert sich nichts, nur ein entspanntes Lächeln zieht jetzt immer wieder über sein Gesicht. Vielleicht wäre hier, besonders in der Begegnung mit dem wunderbaren Menuchim von Henning Strübbe, mehr tatsächlich mehr gewesen. Dennoch – oder deshalb? - trifft Mendel Singers Annahme seines Schicksals („Wir sind es selbst. Wir haben nicht genug geliebt!“) das auch mit Schulklassen gut gefüllte Auditorium spürbar ins Herz.