Minna von Barnhelm im Mülheim, Theater an der Ruhr

Therapiebedürftig

Ob sie denn jung sei, fragt Wachtmeister Paul Werner den Major von Tellheim, als er von dessen Liebe zu Minna von Barnhelm erfährt. Der Major, als rechter Soldat der Wahrheit mehr als der Galanterie verpflichtet, antwortet leise: „Nein!“ – und geht ab.

Die Besetzung von Major und Minna ist zugleich der Coup und das Problem in Karin Neuhäusers Inszenierung am Theater an der Ruhr in Mülheim. Ziemlich alte Schabracken sind die zwei, die einander zwar lieben, aber sich erst nach vielen verkrampften Umwegen kriegen. Vielleicht passt ja auf jeden Pott 'n Deckel – wir jedenfalls nähmen weder den einen noch die andere, nicht um Geld und gute Worte. Aber auch in Karin Neuhäusers komödiantischer Inszenierung bleibt am Ende offen, ob es ein glücklicher Bund fürs Leben werden kann, wenn aus Fräulein von Barnhelm dereinst Frau von Tellheim wird.

Der appe Arm vom Tellheim ist es nicht, der uns stören würde. Kommissar Tauber aus dem Polizeiruf 110 würden wir ja auch nehmen. Aber diesen depressiven, temperamentlosen Spießer, den Klaus Herzog da als von seiner Abberufung und dem Verlust seines Vermögens traumatisierten, resignierten und weltabgewandten Grauseigneur aufs Mülheimer Parkett legt, diesen schlurfenden Zombie, der weder emphatisch wirbt um das Weib noch vehement seine Abwehr begründet? Der wäre uns zu langweilig; einmal nur weckt er unsere Zuneigung: „Lieben Sie sie noch, ja oder nein?“, wird er gefragt. „Nun ja … ja“, lächelt er verschämt – und geht ab. Schrieben wir das Jahr 2012 statt 1767 – er wäre längst in Therapie.

Das Fräulein von Barnhelm hat auch nicht wesentlich mehr Liebreiz. Dass man sich die Beziehung zwischen ihr und Tellheim eher als eine Art verblühtes Wolke-9-Petting vorstellt, deutet sich bei Minnas Morgengymnastik im Doppelbett mit Franziska noch nicht an: Da schwingt sie noch frisch und fesch die nackten Beine in die Höh‘ - zum auf der Heide blühenden kleinen Blümelein ebenso wie zum aufrechten Brechtschen Solidaritätslied: „Vorwärts, und nicht vergessen …“. Aber wenn die Beine erst auf dem Boden stehen, scheint die Barnhelm nicht mehr recht geerdet. Jahrzehntelange Jungfräulichkeit ist der noblen Dame aus Adelsgeschlecht offenbar nicht bekommen: Die unnatürlichen, eckigen und affektierten Bewegungen von Simone Thoma, puppenhaft wie bei einem Spielautomaten des späten 19. Jahrhunderts, lassen ihre Minna psychisch gestört erscheinen. Selbst in den Schlussszenen, als sie Oberwasser bekommt und zu einem mondänen Audrey-Hepburn-Verschnitt mutiert, bleibt der Eindruck: Schrieben wir das Jahr 2012 statt 1767 – sie wäre längst in Therapie.

Diese Figurenzeichnung ist durchaus ein Coup. Schon in konventionelleren Inszenierungen hatten wir Zweifel, ob die Verbindung der beiden so unterschiedlich fühlenden und denkenden Streithähne zu einem glücklichen Ende führen könnte - bei Amélie Niermeyer vor drei Jahren in Düsseldorf zogen sie jedenfalls mit gehörigem Sicherheitsabstand voneinander von dannen. Karin Neuhäuser nimmt uns jede Illusion, dass diese Mesalliance sich noch einmal zum Guten wenden könnte. Selbst das Versöhnungsmahl am auf Minnas Himmelbett gedeckten Tisch gleicht mit seinen maliziösen Bemerkungen und Gesten einem auf oberstem diplomatischen Niveau stattfinden Luxusdinner im Haifischbecken verfeindeter Wirtschaftskapitäne. – Leider wird diese Figurenzeichnung aber auch zum Problem. Herzogs über zwei Stunden unverändert introvertiertes, abweisendes Spiel und Thomas nur in Nuancen sich ändernde unnatürliche Ticks ermüden auf die Dauer, so dass das Interesse an beiden Charakteren erlahmt. Als Konsequenz packt uns nicht das Stück in seiner Gesamtheit, sondern es erfreuen uns nur zahlreiche isolierte Szenen.

Es sind die Nebenfiguren und die Darsteller der Parallelhandlung, vor allem Volker Roos als Tellheims Diener-Faktotum Just und Dagmar Geppert als Minnas Kammerfräulein Franziska, die unsere Lust am Lustspiel nähren. Erlahmendes Interesse? Nein, Geppert könnte man stundenlang zuschauen. Charmant und schrill, wütend und kokett, klug und naiv, blitzschnell auf dem Quivive und sturzbesoffen sächselt sie sich durch den Abend und beweist wieder einmal, welch ein Gewinn die junge Schauspielerin für das Ensemble ist. Während Franziska dialektmäßig eindeutig den neuen Bundesländern zuzuordnen ist, kommt Diener Just von der Waterkant. Mit rollendem R und herrlichem Hamburger Akzent plaudert er aus, was er zu Tellheims Geschichte zu sagen hat. Seine Einsilbigkeit zu Beginn jedes Gesprächs ist ein Trick, um die anderen zum Reden zu bringen: Kaum ist ihm dies gelungen, kann auch er selbst das Wasser nicht mehr halten. - Zwei wunderbare kleine Auftritte gehören Petra von der Beek als eleganter, somnambuler „Dame in Trauer“ und als völlig überdrehter, hochkomödiantischer Karikatur des Riccaut de la Marinière. Der operettenhafte Pomp von Riccauts Uniform ist ein Meisterwerk kabarettistischer Kostümbildnerkunst. Ohnehin waren der Phantasie von Alexander Schulz und seinem Team offenbar keinerlei Grenzen gesetzt. Franziskas permanente Kostümwechsel erfreuen das Auge; der Wirt, meist im grauen Büroboten-Kittel, giert zwischendurch im Outfit des Alten Fritz um die Anerkennung der Damen und ähnelt dann Minnas ähnlich ausstaffiertem riesigem Teddy. Und der graue Tellheim erscheint zum Dinner in einer affigen hellbeigen Edel-Livree: „Ich habe den Eindruck, dass man sich hier in Berlin sehr aufwändig kleidet“, kommentiert Minna maliziös. 

Wenn nicht alles täuscht, fällt erst nach eineinhalb Stunden zum ersten Mal das Wort „Ehre“. Einer der Schlüsselbegriffe des Stücks, der eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Aussagen des zur Epoche der Aufklärung gehörenden Stücks versinnbildlicht, scheint in Neuhäusers Inszenierung ein wenig aufs Nebengleis geraten zu sein. Dass der Major seine Ehre aber nicht nur durch die Entlassung aus der Armee verloren glaubt, sondern in gleichem Maße durch seine drohende Verarmung, betont die Inszenierung umso deutlicher; mit dem Fetisch Geld verweist sie auf die Denkweisen der Ich-AGs des 21. Jahrhunderts. Doch eine politische, eine aufklärerische Absicht lässt die Aufführung nicht erkennen, auch wenn die kluge Zusammenstellung der Texte im Programmheft anderes vermuten lässt. Den Hinweis auf die Intention der Inszenierung gibt bereits die Anfangsszene: Da kraucht das ganze Ensemble in Arbeitskleidung in der Lagerhalle einer Fabrik herum. Als die Sirene zur Mittagspause ruft, klappen alle unter der Last der getanen Arbeit zusammen und holen ihre Butterbrotdosen heraus. Darin: das Reclam-Heftchen mit dem „Minna“-Text. „Ein Lustspiel“, rufen sie begeistert und beginnen zu spielen.

Ein Lustspiel also hat Karin Neuhäuser angerichtet. Wir folgen ihm durchaus amüsiert, auch wenn es merkwürdigerweise ausgerechnet im Zentrum ein wenig blass bleibt – die Ränder sind kräftig und saftig. Und dass die beiden Gestalten in Zentrum allzu viele lustvolle Momente miteinander haben werden, bezweifeln wir ja eh. Lili Marleen hat die Arbeiter-Brigade in der Anfangsszene gesungen. „Unsere beiden Schatten / sehn wie einer aus“? Nie und nimmer klappt das bei Minna und ihrem Tellheim!