Gespensterjäger auf eisiger Spur im Oberhausen, Theater

Wo Kümmelsaft und Keks-Erfinder Tango tanzen

Tom schlottern die Knie. Die Lampe flackert, und im Hof suppt der Gespensterschleim. Im Mülleimer haust ein Gespenst. „Buuh!“, ruft es – und fliegt davon.

Ihr glaubt das nicht? Lola glaubt das auch nicht. Lola ist Toms Schwester und lacht ihn aus. Der Müllmann ruft ebenfalls „Buuh!“, als er Tom sieht, und lacht sich ins Fäustchen, weil Tom, dieser Angsthase, sich erschrickt. Hat denn diese oberschlaue Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft nicht gerochen, wie modrig es aus dieser Tonne mufft? „Buuh!“, ruft das Gespenst hinter ihm her. Der Müllmann rennt schnell weg.

Tom aber, immer noch mit schlotternden Knien, sucht Rat bei Hedwig Kümmelsaft. Die ist so eine Art Consultant in Sachen Gespensterfragen und als Heilpraktikerin in Sachen Spuk und Trug ziemlich schrill. Aber sie erkennt schnell, dass es sich bei Toms Gespenst nur um ein MUG handeln kann: ein Mittelmäßig Unheimliches Gespenst. Dem ist mit einfachen Mitteln beizukommen. Und nicht nur das: Mit dem freundet Tom sich sogar an, nachdem er es zu zähmen versucht hat. Gemeinsame Angst schafft nämlich Vertrauen: Das MUG, das auf den bei Gespenstern nicht unüblichen Namen Hugo hört, fühlt sich nämlich selbst nicht wohl in Toms Mülltonne. Es hat dort nur Asyl gesucht – denn seine ursprüngliche Wohnung wurde von einem schrecklichen UEG okkupiert: einen Unheimlich Ekelhaften Gespenst. Das ist nun wahrhaft gruselig – da schlottern selbst Lola die Knie, als sie es sieht. Und wie erst sein Gespensterschleim klebt!

Das UEG wohnt nun bei Herrn Lieblich, einem dicken Kekserfinder. Der hat Angstblockaden und übt den depressiven Rückzug, seit das UEG in seinen vier Wänden spukt. Neue Kekse fallen ihm nicht mehr ein, und die alten Rezepte schmecken nicht mehr. Aber dann tauchen sie auf, die Gespensterjäger auf eisiger Spur: Frau Kümmelsaft zuvörderst, die mit dem Kekserfinder einen Tango aufs Parkett legt, Tom und Schwester Lola – und auch der ängstliche, aber in Gesellschaft von Frau Kümmelsaft fast schon wieder mutig gewordene Hugo. Seltene Erden haben die vier zu Tage gefördert: Lebensrettende Friedhofserde. UEGs mögen sowas nicht. Und Herr Lieblich ist gar nicht so ein „drittklassiger Teigrührer“, wie der vorlaute Hugo ihn nennt: er erfindet ein erstklassiges Gebäck, an dem das UEG zugrunde geht. Ein kleiner blauer Glibberschlumpf im Einmachglas bleibt von ihm übrig.

Was für eine Story! Sie hätte auch das Potential für einen Trash-Film à la Monty Python, einschließlich jeder Menge politisch nicht korrekter Gags. Jean Renshaw hat die hübsche, so humorvolle wie spannende Geschichte von Cornelia Funke (TintenherzDie Wilden Hühner) mit viel Liebe und Phantasie für Kinder ab 6 Jahren eingerichtet. Die Kinder haben Freude an den einfachen, aber für sie fast an Zauberei grenzenden kleinen Theatertricks: „Voll geil“ fand meine kleine Nachbarin, dass die Lampe in Toms Hof sich wie von Geisterhand hob und senkte, wenn die Bühne mit Toms Haus sich drehte. Gegen Ende hielten sich die beiden Mädchen zu meiner Linken die Hand vor den Mund vor Spannung; mit gebanntem Blick verfolgten sie das Geschehen. Die Erwachsenen haben Spaß an den lustigen, humorvollen Szenen, an den peppigen umgedichteten Popsongs, mit denen die einzelnen Akte voneinander getrennt wurden – an Abba oder den Animals, dem so witzig wie poetisch auf Toms Hütte umgedichteten House of the Rising Sun. Sie wünschen sich wohl auch eine Tochter wie Gitte Reppins sympathische Lola, ein natürliches, nettes Bilderbuchschwesterchen, das den ängstlichen Bruder zwar auslacht, aber nie Zweifel daran lässt, dass es zu ihm steht. Reppin macht ein Identifikationsangebot insbesondere für die Mädchen im Publikum, und mancher Junge wird sich vielleicht in sie verlieben.

Alle Figuren sind ganz unterschiedlich gezeichnet und finden doch zu einem homogenen Ensemble zusammen. Fast so nett wie Lola, aber viel ängstlicher ist der arme Herr Lieblich (Markus Rührer), der schließlich auch schon manchen nervous breakdown zu erleiden hatte – er wäre den Kindern ein wunderbarer, nachgiebiger Opa. Mit kümmelfarbenem Haar, knallig rotem Kleid und ebensolcher Zickenbrille sowie eckig-puppenhaften Bewegungen überdreht Anna Polke die Gespensterjägerin Kümmelsaft ins Schrille – ins liebenswert Schrille, denn ihre Kinderliebe und letztlich auch ihre Liebe zu MUGs sind unübersehbar. Peter Waros hat die schwierigste Rolle, denn ein ausgewachsener männlicher Schauspieler wirkt leicht ein wenig albern als Schlotter-Tom – aber dieser ist schon allein aufgrund seiner Ängste eine Identifikationsfigur für die Kinder. Phantasievoll und immer zum Lachen reizend sind die Kostüme und Requisiten von Anna Ignatieva.

Der Knaller aber in dieser Inszenierung ist Klaus Zwicks Hugo. Im weißen Fetzenkostüm wirbelt das Gespenst durch die Luft und über die Bühne; es ist altklug und vorlaut, ängstlich, lustig und koboldhaft; stets blitzt der Schalk aus seinen Augen: Das Mittelmäßig Unheimliche Gespenst ist einfach Spitzenklasse - hinreißend. Bevor die Aufführung nach 80 Minuten mit viel Schwung und einem kleinen Mutmach-Lied für eventuelle ängstliche Kinder zu Ende geht, zieht Hugo wieder zu Herrn Lieblich. Schade, denn den hätten wir gern zu Hause in der eigenen Tonne.