Kannibale und Liebe im Dortmund, Schauspielhaus

Der Schlächter von Plainfield

Von fern hören wir das Geräusch einer Kettensäge. Das Radio vermeldet die neuesten Nachrichten über den Mord an einer Geschäftsfrau und über auf einer nahen Farm gefundene Leichenteile. Langsam hebt sich der Deckel des Sarges, der links vor uns auf der Bühne steht. Zitternd, sich mühsam an Licht und Leben gewöhnend, entsteigt ihm der Schlächter von Plainfield. Der grausige, der berüchtigte: Ed Gein!

Den kennen Sie nicht? – Doch! Alle aufzeigen, die Hitchcocks Psycho nicht gesehen haben! Oder Das Schweigen der Lämmer. Das Texas Kettensägenmassaker. – Na also. Alle diese Filme wurden von einem realen Mordfall beeinflusst. Im Jahre 1957 wird in einem winzigen Dorf in Wisconsin eine 58jährige Ladenbesitzerin aus ihrem Geschäft entführt. Bei der Überprüfung eines Farmhauses findet die Polizei ihren ausgeweideten und geköpften Körper sowie Teile von mindestens 15 anderen Leichen, u. a. eine Sammlung Nasen, Masken aus Gesichtshaut, Fressnäpfe aus Totenschädeln und in der Bratpfanne ein menschliches Herz, fertig für die Zubereitung. Nicht alles waren Teile von Mordopfern; auch den örtlichen Friedhof hatte Gein geplündert. Das Grauen, das dieser Fall entwickelt, ist so groß, dass das Schauspiel Dortmund die eigentlich ganz harmlose Untersuchung seiner film- und literaturhistorischen Auswirkungen erst für Zuschauer ab 18 Jahren empfiehlt. Dabei ist die Inszenierung vergleichsweise schmusig: Liebe 16jährige, macht es wie in der Disko: leiht Euch einfach einen Ausweis; ihr werdet nicht Schaden nehmen an Eurer Seele.

Kannibale und Liebe heißt die Inszenierung am Schauspiel Dortmund. Das trifft den Plot und ist gleichzeitig das Kontrastprogramm zu Schillers im Großen Haus gespieltem Abiturstück mit annähernd gleichem Titel. Die jungen Zuschauer wird die Inszenierung von Jörg Buttgereit mehr ansprechen als der Klassiker. Buttgereit ist nicht nur so etwas wie der Papst des deutschen Arthouse-Horrorfilms; er mag auch Splatter und Gore; er mag makabre Scherze, bei denen uns ein Schauer den Rücken hinunterläuft. Im Allgemeinen sind es nur kleine Schauer; Buttgereit geht überraschend gnädig mit uns um. In der einzigen Szene, die wir den unter 18jährigen tatsächlich ungern zumuten möchten, sehen wir die Original-Polizeifotos der kopflosen, ausgeweideten Frauenleiche. Tiere habe er nie geschlachtet, behauptete Ed Gein. „Aber er hat uns doch Reh angeboten“, wundert sich Caro-line Hanke, die Ed Geins Nachbarin spielt. Und nach einer Pause: „Jedenfalls hat er uns gesagt, dass es Rehfleisch war…“

Wir lachen. Es gibt durchaus das eine oder andere Mal Anlass zu lachen in Buttgereits makabrem Kunststück. Und es gibt viel zu lernen. Über den realen Fall, den Buttgereit anhand von Original-Dokumenten und -Protokollen in Wort und Bild vor uns aufblättert. Über mögliche Ursachen von Ed Geins schwerer psychischer Deformation. Und über den bemerkenswerten Nachruhm, der Gein (wiewohl teilweise stark verfremdet) im Kino und in der Rockmusik zuteil wurde - als Hannibal Lecter oder Leatherface, als Norman Bates oder als Dead Skin Mask in dem Song der amerikanischen Speedmetal Band Slayer. Die relevanten Songs werden zwischendurch eingespielt, die wesentlichen Aspekte der Filme berichtet, so dass kein Zuschauer befürchten muss, aufgrund mangelnder Kenntnisse der Meta-Ebene die Original-Inszenierung nicht zu verstehen. Und manchmal vermischen sich beide Ebenen, was meist wieder Anlass zum Schmunzeln gibt: Wunderbar persifliert die Psychologin gleichzeitig die verbalen Codes der Filmkritik und den abgehobenen Psychologen-Sprech; die Figuren des Sheriffs und des verhörenden Captain Shoephoerster zitieren Vorbilder aus der Filmgeschichte von Columbo bis zu Heinz Drache.

Doch das Lachen und das Schmunzeln vergeht uns ein ums andere Mal angesichts der bizarren Auswüchse von Geins Irrsinn. Atemlos folgen wir der atmosphärisch dichten Aufführung, die perfekt auf dem schmalen Grat zwischen Abgrund und Grauen auf der einen und lustvollem Spiel mit dem Trash und dem Makabren auf der anderen Seite balanciert. Julia Schubert als Psychologin, Ekkehard Freye als Sheriff und Axel Holst als Shoephoerster agieren zwar mit großer Zurückhaltung und Lakonie, stammen ihre Texte doch großenteils aus trockenen alten Gerichtsakten. Caroline Hanke, die mittlerweile aus jeder Nebenrolle eine faszinierende Charakterstudie zu machen versteht, rührt für die naive Nachbarin eine Mischung aus Gerburg Jahnke, Else Stratmann und Diva an: ihre kaum unterdrückte Sensationsgier und Klatschsucht haben wir gestern noch im örtlichen Bäckerei-Café belauscht.  

Der Hammer aber an diesem Abend ist Uwe Rohbeck als Ed Gein. Schnuckelig ist dieser Perverse, gruselig auch, hochgradig krank und schauspielerisch auf dem Gipfel seiner Kunst. Wenn Hanke ihm das Vaterunser vorbetet und er es nachzubeten versucht, ist das eine schauspielerische Glanznummer wie wir sie nur ganz, ganz selten auf den Bühnen unseres Landes erleben. Hat das was Komödiantisches? Jein - eher nicht. Hat das was Blasphemisches? Schon gar nicht. Steckt da das Grauen drin? Schon eher. Von allem etwas hat diese Szene, vor allem aber ist sie: berührend. Rohbeck gibt den Psychopathen als unmündiges, unzurechenbares Kind – ein Monster, das sich zugleich unendlich fürchtet vor den Zumutungen dieser Welt. Das flüstert, das sich am liebsten unsichtbar machen möchte – und nur einmal brüllt: als Ed das Grauen überkommt bei der Frage, ob er sich an den Leichen auch sexuell vergangen habe. Die Erinnerung an solche Gelüste ist furchtbar, aber auch verbunden mit Bedauern: „Der Geruch war viel zu stark!“ Ed ist ein Autist, der im Mondschein in der Haut von Frauen über den Hof lief, den seine grausam bigotte Mutter vor der Welt versteckte, den sie quälte – und der sich nach ihrer Liebe verzehrte. Drum tötete und verzehrte er auch nur Frauen, die seiner Mutter ähnlich sahen.

Der kleine alte Mann – man möchte Mitleid mit ihm haben. Und doch ist er monströs, macht er einen schaudern. Er lebte bis zu seinem Tode im Alter von 78 Jahren in der Psychiatrie. Was er tat, war eigentlich ganz logisch. Einige seiner Mitpatienten, so meinte er, seien ein bisschen merkwürdig. „Ich glaube sogar, einige sind verrückt.“ @@