Harper Regan im Neuss, Rheinisches Landestheater

Irrfahrt einer Durchschnittsfrau

Simon Stephens, einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker in England, wurde von „Theater heute“ bereits fünfmal zum besten ausländischen Dramatiker des Jahres gewählt. Am Rheinischen Landestheater Neuss kamen bisher seine Stücke Motortown und „Country Music zur Aufführung.

Jetzt inszenierte Intendantin Bettina Jahnke Harper Regan, die Geschichte einer 41Jährigen, die bisher ein nur mäßig aufregendes Leben geführt hat. Sie ist nie weiter gereist als bis Italien, hat nie ein Auto zu Schrott gefahren und besaß auch nie eine Lederjacke. Sie lebt scheinbar in einer harmonischen Familie am Rande von London. Sie muss das Geld verdienen. Irgendetwas ist da, was die Familie zum Umzug gezwungen hat und es ihrem Mann, Seth, schwer macht, einen Job zu finden. Worum es da geht, erfahren wir erst später, als Harper nach einer Odyssee nach und nach offener geworden ist und gelernt hat, über ihre Gefühle zu sprechen.

Als wir Seth kennenlernen, fragt er gerade die 17jährige Tochter Sarah für eine Geografieprüfung ab „Ein Gletscher ist eine riesige Masse aus Eis…“. Ein Bild, das symptomatisch für die gestörten Beziehungen innerhalb dieser Familie ist. Ein Bild, das sich in Neuss als Projektion auf dem Bühnenhintergrund wiederfindet, ebenso wie in auf der sonst minimalistischen Bühne aufgebauten Treppenkonstruktion, die an übereinander gestapelte Eisschollen denken lässt.

Harpers Vater liegt im Sterben. Sie hat ihm nie gesagt, wie sehr sie ihn liebt. So lässt sie alles zurück, Job, Mann, Tochter, um ihn noch einmal zu sehen. Und kommt zu spät. An diesem Wendepunkt in ihrem Leben versucht Harper herauszufinden, was sie versäumt haben könnte, wo sie hätte anders handeln sollen. Eine Irrfahrt beginnt. Sie schlägt auf den großkotzigen Journalisten Mickey ein, der sie in einer Bar anmacht, und klaut ihm die Lederjacke. Sie hat in einem Hotel ein Blind-Date mit James, einem Familienvater, dem sie unvermittelt ihre Probleme anvertraut. Sie flirtet mit dem erst 17jährigen Tobias. Und sie besucht erstmals nach langer Zeit ihre Mutter und erfährt von den negativen Seiten des vergötterten Vaters. All das lässt sie auftauen, reifer werden. Sie kehrt zurück und ist endlich bereit, auf eine immer verdrängte brutale Tat ihres Mannes zu schauen.

Simon Stephens Figuren scheinen oft unfähig, ihre Meinung zu artikulieren. So ist es zunächst auch in Harper Regan. Jahnke lässt daher die Schauspieler nicht miteinander kommunizieren, sondern sie stehen oft meterweit voneinander entfernt an der Bühnenrampe und sprechen ins Publikum. Linda Riebau (Harper) verkrampft dabei oft ihre Hände. Glänzend ihre Metamorphose zu einer befreit wirkenden Frau, die in ihrer ganzen Art zupackender wirkt. Man glaubt ihr, dass sie die Probleme lösen kann, auch, dass ihre Ehe Bestand haben könnte.

Stephan Schleue spielt sowohl den freundlichen James, dem es peinlich ist, wenn Harper ihn nach seiner Familie fragt, wie auch Seth, den zutiefst verunsicherten und schuldbewussten Ehemann, der sich nicht traut, seine Liebe zu seiner Frau zu zeigen: „Soll ich dich mal umarmen?“ Dies fragt er in mindestens drei Meter Entfernung von Harper, die antwortet: „Nein. Geht schon“. Richard Erben ist Tobias. Er überzeugt als verklemmter Teenager, der in Sprache und Körperhaltung den Wechsel zwischen Unsicherheit und erstem Auftauen verdeutlicht.

Insgesamt ein Abend mit einem gut gebauten Stück, das in erster Linie dank einer hervorragenden Protagonistin den Spannungsbogen bis zum Ende hält.