Bezahlt wird nicht im Oberhausen, Theater

Ein Grieche probt den Aufstand

Ausgerechnet ein Grieche – Intendant Peter Carp verpflichtete in einem glücklichen Coup Sarantos Zervoulakos, der in Oberhausen bereits einige positive Talentproben abliefern konnte – inszeniert diese Polit-Komödie des Italieners Dario Fo: Bezahlt wird nicht – ein prächtiger, stimmiger und ironischer Kommentar zu den seit Jahren anstehenden Euro- und EU-Themen dieser Tage, in denen Banken zusammenbrechen, Länder vor dem Ruin stehen, Politiker am „System Europa“ heftig zweifeln. Aber eben: Bezahlen will niemand die finanziellen Crashs und die basialen „Strukturfehler“ der Politik seit der Gründung der europäischen Union…

Aber Dario Fo, 87 Jahre alt, Nobelpreisträger und inzwischen Mitglied der schrillen „5-Sterne-Partei“ von Komiker Beppe Grillo, schrieb das Stück bereits 1976 – als Utopie. Als hätte er geahnt, was auf die Europäer rund vierzig Jahre später wirklich zukommen würde. Denn in Bezahlt wird nicht sind es einfache Menschen wie Du und Ich (die Griechen und die Zyprioten), die sich in ihrem Alltag wehren und halbkriminelle Maßnahmen ergreifen – gegen Abzockerei, gegen Preistreiberei, gegen die Ausnutzung ihrer persönlichen Ressourcen. Und deshalb beschwören sie alle einhellig im Supermarkt oder in der Fabrik oder beim Bus- und Bahnfahren: Bezahlt wird nicht! Punkt. Daraus entwickelt sich ein chaotisches Bühnenvergnügen, das ständig ausufert – aus der privaten, familiären Groteske wird ein infernalischer Gelächtertumult mit entsprechenden politischen Konsequenzen. Keiner öffnet die eigene Geldbörse – und so nimmt das „aktuelle“ Geschehen, mit vielen Satire-Querschlägen gegen öffentliche Personen und Einrichtungen zwischen Berlin und Rom aufgeplustert, seinen Lauf. Sogar der Papst lugt mal fragend um die Ecke…

Zervoulakos bremst nicht, sondern gibt bei den Szenen, die jeweils vor dem Kollaps stehen, dem (Theater-)Affen Zucker, wo es bei Fo (über die „normalen“ Dialoge hinaus) überhaupt noch möglich ist. Hier dürfen die Schauspieler/innen einmal herrlich und stilsicher über die Stränge schlagen, dürfen ein wenig improvisieren, dürfen den Klamauk als Dauerimpuls beschwören. Bis zu einer irrationalen Grenze, hinter der der Jux in dralles, aber dann doch schlechtes Volkstheater umschlagen könnte. Nein, der junge Regisseur weiß genau, wie weit er mit dem tüchtigen Oberhausener Ensemble, bereits seit vielen Jahren (noch vor der Carp-Leitung) auf Komik gedrillt, gehen darf. Die Klamotte rumort – aber es bleibt beim professionellen Lachtheater. Jede Pointe wird köstlich und zielgerichtet herausgearbeitet, jeder verbale oder theatralische Gag „sitzt“.

So kann man sich bei dieser wahrlich exzentrischen Wirtschaftskrisen-Lachsalve genüsslich im Parkett zurücklehnen und dem Treiben mit faltengespickter Neugier zuschauen: Das fünfköpfige Ensemble - von Torsten Bauer bis Angelika Falkenhahn, von Anna Polke bis Michael Witte oder Klaus Zwick – spielt sich in einen fabelhaften Fo-Rausch. Jeder des Quintetts übernimmt mehrere Rollen und in diesem Charaktertausch liegt ein zusätzlicher Reiz dieser Sterne-Produktion. Es darf ausgiebig „gewiehert“ werden. Und das kräftige Schenkelklopfen im Saal endet erst nach dem anhaltendem Premierenbeifall. Was lernen wir aus diesem Stück, dieser Farce und von diesem gut beobachtenden Autor? Die Banalität und die Trivialität nicht so ernst zu nehmen. Ach würde doch dieses entlarvende Lachtheater mal in das EU-Parlament in Brüssel einziehen! Als Ratgeber. Aber vor allem auch: als Menschenkenner im Viel-Völker-Verbund! Aber machen wir es doch einmal anders: Das Theater Oberhausen sollte möglichst viele EU-Parlamentarier in die Revierstadt einladen…