Twelfth Night im Globe Theatre Neuss

If music be the food of love, play on

Was ihr wollt oder Twelfth Night ist eine der verwirrendsten Komödien Shakespeares – ein Spiel der Irrungen, Verkleidungen, Verwechselungen. Die Handlung spielt in Illyrien, einem Ort der Muße. Hier, wo man für die Poesie, das Trinken und die Liebe lebt, geht es drunter und drüber. Manch einer weiß nicht mehr, woran er ist.

Nach einem gewaltigen Sturm rettet sich die schiffbrüchige Viola an die Küste Illyriens, wo sie sich als junger Mann verkleidet und fortan Cesario nennt. Sie tritt in den Dienst des Herzogs Orsino, dem sie rasch in Liebe zugetan ist. Orsino selbst liebt Olivia, die wiederum ihr Herz an Cesario, den vermeintlichen Jüngling, verliert. Die Erlösung und Beglückung der in ihrer Liebe Verwirrten wird durch Sebastian, Violas Zwillingsbruder, der ihr aufs Haar gleicht, ermöglicht. Olivia nimmt ihn statt seiner Schwester und Orsino, der sich mit dem endgültigen Verlust der so lange Angebeteten abzufinden hat, kann sich Viola zuwenden, die ihn schon in ihrer Verkleidung angezogen hat. So lösen sich alle Verwirrungen und ein gut gelauntes Schicksal führt alles zu einem guten Ende.

Twelfth Night entstand wahrscheinlich gegen 1601, ungefähr zur gleichen Zeit wie Hamlet. Shakespeare war auf der Höhe seines Schaffens, so überrascht dieses Meisterwerk nicht. Das zentrale Thema der Komödie kann in dem Satz „I am not what I am“ oder „Nothing that is so, is so“ zusammen gefasst werden – ist doch die Kluft zwischen Schein und Wirklichkeit, der Zwiespalt zwischen den nach außen gezeigten Gefühlen und den innerlich empfundenen, zwischen dem, was ein Mensch sagt, und dem, was er denkt, allgegenwärtig. Masken und Verkleidungen sind unerlässlich in dieser Welt, in der alle mehr oder weniger Schauspieler sind.

Ein Narr und zwei Saufkumpane, Sir Toby Belch und Sir Andrew Aguecheek, gehören zum weiteren Personal des Stücks. Sir Andrew, ein recht trotteliger Mensch, macht sich Hoffnungen auf Olivia. Sir Toby, ihr Onkel, überredet ihn immer wieder, noch zu verweilen und mit ihm zu trinken. Malvolio, Olivias Haushofmeister, sieht missfällig die lockeren Sitten um sich herum, glaubt er doch an puritanische Ideale und hat zudem eine hohe Meinung von sich selbst. Unter Führung der munteren Zofe Maria spielen ihm die Trunkenbolde einen bösen Streich, der ihn vernichtet. Freudig drängt er sich zu seinem Verderben – etwas mehr Selbstkritik, etwas weniger Eitelkeit hätte ihn vielleicht davor bewahrt.

Die Propeller Company zeigte beim diesjährigen Shakespeare Festival im Globe neben The Taming of the Shrew auch eine äußerst lebendige, spritzige Interpretation von Twelfth Night. Regie führten Edward Hall und Roger Warren.

Zwei große Schränke mit Schwingtüren erlauben den Akteuren fließende Auftritte bzw. Abgänge. Joseph Chance (Viola/Cesario) und Dan Wheeler (Sebastian) sehen sich fast zum Verwechseln ähnlich. Beide treten stets in grauen Anzügen mit Hemd und Krawatte auf – also als junge Männer. Es schwingt immer ein Moment der Unsicherheit mit, ob wir und so auch die Bewohner Illyriens nun gerade Viola oder Sebastian sehen. Gary Shefford ist exzellent als clevere Zofe, die mit den Trinkgesellen das üble Komplott gegen Malvolio (Chris Myles spielt den kleinkarierten Haushofmeister wunderbar bis zum Exzess) schmieden. Vince Leigh ist Sir Toby, dem man den Spaß an seinem Katz-und-Maus-Spiel mit dem begriffsstutzigen Sir Andrew (John Dougall: „I was adored once, too“) sofort glaubt. Orsino wird von Christopher Heyward verkörpert – glaubhaft sein Liebesschmerz einerseits, aber auch seine spontanen Äußerungen der Zuneigung zu Cesario. Ben Allen ist Olivia. Zunächst reserviert, abweisend, dem verstorbenen Bruder nachtrauernd, eine Dame in Schwarz. Dann zunehmend von Leidenschaft gepackt und dem Leben zugewandt. Inbrünstig und komisch zugleich ihr/sein „Wonderful“, als Sebastian und Viola enttarnt werden und vor aller Welt als zwei Personen dastehen. Liam O’Brien ist ein wunderbarer Narr, der in schwarzem Hut und Mantel mit einer Gitarre über die Bühne wandelt. Bissig seine Vorwürfe und Kommentare verkündend streckt er dreist die Hand nach Münzen aus, obwohl er doch alle nicht zu mögen scheint. Ein Genuss seine mit rauher Stimme vorgetragenen melancholischen Lieder.

Ein Abend mit – wie immer bei der Propeller Company – beeindruckenden Bildern (gruselig die Kerkerszene mit dem gedemütigten Malvolio, dem der Priester (Liam O’Brien) ins Gewissen redet), wunderbarer Musik und einem sehr spielfreudigen Ensemble. Shakespeare at his best!