Ein Weg aus der Depression
Theater und Inklusion war das Schwerpunktthema bei den Theatertagen Europäischer Kulturen in Paderborn 2013. Torsten Brandes und Raya Krisch führen uns in der Kulturwerkstatt einen kurzen Film über ihre Aufführung von Maurice Maeterlincks Der Tod des Tintagiles an der Rudolf-Steiner-Schule Schloss Hamborn vor. Ein Inklusions-Projekt, wie wir hören. Auf dem leider viel zu kleinen und etwas unscharfen Videobild sehen wir als einzigen lebenden Menschen ebenjene Raya Krisch als Schwester Ygranie – eine junge, schauspielerisch und sprechtechnisch offenbar ausgesprochen talentierte Schülerin der Borchener Schule, die das Ganze mit großer Sicherheit im Stile einer klassischen Tragödin zum Besten gibt. Und wieso nun Inklusion? – Wir sind einigermaßen platt, als die junge Schauspielerin uns erläutert, wie dieses Theaterprojekt sie von ihren Selbstzweifeln erlöst, sie aus ihrer Sprachlosigkeit befreit hat: Es gilt halt zu unterscheiden zwischen sichtbaren und nicht sichtbaren Behinderungen. Raya Krisch litt an einer schweren psychischen Erkrankung. Wer hätte das gedacht?
„Ich hab‘ so Angst“, ruft auch der hinter einem schweren metallenen Tor verborgene Tintagiles immer wieder. Das 1894 erschienene Stück des belgischen Dramatikers, Essayisten und Dichters Maurice Maeterlinck spielt auf einer kleinen Insel vor der Küste Frankreichs, auf der ein alter Ritter sowie zwei Schwestern leben, die in der Nacht ein kleines, ca. vier- bis fünfjähriges Kind erwarten – Tintagiles, den um viele Jahre jüngeren Bruder der beiden Damen. Doch in einem dunklen Turm in einem dunklen Tal lebt eine Königin, die dieses Kind, das zu ihrem Thronfolger bestimmt ist, aus Angst vor Machtverlust raubt und später tötet.
Maeterlinck schrieb dieses Stück eigentlich als ein Drama für Marionetten. Man sei mit dieser Inszenierung und dem Versuch, den Text für reale Schauspieler zu dramatisieren, an die Grenze des Darstellbaren gegangen, sagt der Schulpädagoge und Regisseur Torsten Brandes. Weder die Königin noch Tintagiles sind jemals auf der Bühne zu sehen; der vergebliche Kampf des Jungen gegen den Tod findet hinter dem großen metallenen Tor statt. Wir hören Tintagiles‘ Schreien; er beschreibt, was ihm geschieht und vor allem, was in ihm vorgeht. Auf das hermetische Tor projizierte Symbole, die musikalische Untermalung und das intensive Spiel von Raya Krisch vermitteln die Atmosphäre einer dämonischen, aber eben auch existenziellen Bedrohung durch unbekannte Mächte. Als Tintagiles seinen Kampf verloren hat, breitet sich eine rote Blutlache auf dem Tor zwischen Leben und Tod aus; Flammen verschlingen eine überlebensgroß ans Tor projizierte Gestalt. Ygranies Versuche, durch Auflehnung, durch Bitten und Flehen oder durch Erniedrigung die Königin (= den Tod) zur Begnadigung Tintagiles‘ zu bewegen, sind gescheitert.
Maeterlinck thematisierte in seinen Stücken die Krise des modernen Menschen im ausgehenden 19. Jahrhundert; er schrieb über Entfremdung und Angst, über Alpträume und Ohnmacht gegenüber den Mächtigen. Letzten Endes sind es solche Ängste und Bedrohungen, die auch den psychisch kranken Menschen befallen, der sich hilflos, schwach und ausgeliefert fühlt. Die Auswahl des Stücks für das Inklusionsprojekt der Schule Schloss Hamborn dürfte kaum zufällig erfolgt sein. Raya Krisch berichtet im Anschluss an die Vorführung des Videos von der Bedeutung, die diese Theaterarbeit für sie persönlich hatte. Druck und Selbstzweifel hatten Energielosigkeit und depressiven Rückzug ausgelöst und sie zum völligen Verstummen gebracht. Maeterlincks Stück beschreibt den Tod seines Helden als das Versiegen einer Stimme hinter einer undurchdringlichen Wand. Eine solche Wand stellt auch die psychische Erkrankung dar. Primärziel seiner Theaterarbeit sei zwar die Kunst, behauptet Torsten Brandes, aber die Kunst sei dafür da, dem Menschen eine Stimme zu geben. Die Anforderungen gerade an die jungen Menschen nähmen in den letzten Jahren überhand und führten zum Versiegen von deren Stimmen. Das Theater aber, so bestätigt auch Raya Krisch, diene dazu, „zu zeigen, dass man da ist“, dass man ein Recht darauf habe, auf der Bühne zu stehen und dass die Menschen einem zuhören. Sie habe in dem Theaterprojekt bedingungsloses Vertrauen gespürt, Selbstbewusstsein getankt und wieder an sich selbst zu glauben gelernt: „Das Feuer in mir wurde wieder zum Lodern gebracht.“ - So wurde der Tod des Tintagiles zur Chance für Ygranie.