Hamlet im Theater Münster

Rache und Ratio

Im Grunde genommen knüpft Frank Behnke mit seinem Hamlet nahtlos an die Räuber der letzten Saison an : Sein Hamlet und seine Ophelia sind junge Menschen wie auch Franz und Karl Mohr, die ihre Stellung in ihrer Welt suchen, erwachsen werden wollen, aber letztlich alle scheitern. Aber während die Mohr-Brüder ihre Verzweiflung in Rebellion münden lassen, versucht Hamlet sie in Reflexion zu bewältigen. Deshalb tut Behnke gut daran, aufgedrehtes Bühnengeschehen zu vermeiden und Aktualisierungen zu begrenzen. Und weil er zwischendrin immer wieder das Tempo herausnimmt, gelingen ihm ganz bezwingende, intensive Szenen wie Hamlets Gespräch mit seiner Mutter. Schön wird Ophelias Bedrängnis herausgearbeitet – gleich zu Beginn wird sie zwischen Vater und Bruder förmlich zerrissen.

Günter Hellweg baut eine Guckkastenbühne, deren Schräge unweigerlich alles hinzieht zum vorn angesiedelten Friedhof, der mit im Tod alle gleichmachendem Humus bedeckt ist. Was ein wenig fehlt, ist der durchgehende Fluss von Handlung. Weil Frank Behnke sein Augenmerk vor allem auf die Interaktion der Figuren legt und so den Hamlet segmentiert, entstehen Leerräume, die nicht immer gefüllt werden.

Aber Behnke schafft es zu jedem Zeitpunkt, das Publikum auf das gerade Wesentliche hinzuweisen und die Handlung wie mit einem Laserpointer zu fokussieren. Und ihm glücken Überraschungen: Die Darstellung des Geistes von Hamlets Vater durch einen Sprechchor älterer Männer ist so eine. Vielstimmig und punktgenau artikulierend prasselt der Schrei nach Rache auf Hamlet ein.

Behnke hat in Münster ein fantastisches Ensemble, das ihm die Umsetzung seines Regiekonzepts leicht macht. Dennis Laubenthal ist ein fassungslos der Tragödie zuschauender Horatio. Ein Riesenkompliment geht an Maximilian Scheidt, der den verletzten Ronny Miersch ersetzen muss und Rosenkranz und Güldenstern in einer Person überzeugend darstellt. Christoph Rinke liefert eine mentale wie auch eine physische Meisterleistung ab: Er meistert als Laertes die anstrengende finale Fechtszene und spielt vorher anstelle Ronny Miersch zusammen mit Scheidt das Komödiantenpaar, das Claudius und Gertrude ihren Mord vorhält. Die beiden sind Mark Oliver Bögel als Macht– und fieser Genussmensch und Carola von Seckendorff, unter deren oberflächlicher Beherrschtheit pure Lebensgier funkelt - ein gruseliges Paar.

Hubertus Hartmann ist ein aalglatter, eitler Fiesling als Polonius. Maike Jüttendonk entblößt ihre Seele als Ophelia, ist aber durchaus kein umher wanderndes Irrlicht, sondern stellt knallharte Fragen. Und Florian Steffens kann als Hamlet nur mit seinen Augen die ganze Verletzbarkeit, Wut und Sehnsucht offenbaren, die er in seinem nackt gespielten, intensiven Monolog versinnbildlicht.

Dieser Hamlet zeigt den Aufbruch, den das Schauspiel in Münster gerade beschreitet ; zeigt vor allem die große Leistungsfähigkeit des Ensembles. Langanhaltender Beifall ist der Lohn.