Kippenberger im Köln, Schauspiel

Der Erste unter den Zweitklassigen

Regie führen könne sie natürlich auch, sagt Angela Richter in der anschließenden Publikumsdiskussion. Aber sie habe keine Lust dazu. Sie arbeite lieber schlampig.

Angela Richter ist seit Beginn der aktuellen Spielzeit Hausregisseurin am Schauspiel Köln. Was „schlampig arbeiten“ für sie heißt, lässt sich in ihrer ersten Produktion für ihr neues Haus beobachten: „Kippenberger!“ ist … irgendwie alles, und nichts richtig. Es ist eine Arbeit von Schauspielern und einer Sängerin, die fast ausschließlich als Schauspielerin auftritt. Es ist eine Collage aus Anekdoten und Zitaten zu einem Künstlerleben. Es ist bisweilen so etwas wie eine Performance. Es gibt einen Film. Am längsten haften bleiben wird von diesem Abend vielleicht die Bildende Kunst, werden die großformatigen Gemälde, die die Buchhandlung Walther König wiedergeben, die Paris Bar in Berlin, ein karges Kippi-Zimmer, das Hotel Chelsea in Köln, einen Kippenberger-Frosch (ganz harmlos auf grüner Wiese, nicht gekreuzigt im Museum) und anderes mehr. Es ist Dokumentartheater, denn die Texte basieren nahezu ausschließlich auf Interviews, die Angela Richter mit ca. 30 Zeitzeugen geführt hat, die den Maler und Installationskünstler Martin Kippenberger auf einem Teil seines Weges begleitet haben. Und es ist, wie Sascha Westphal in den Ruhr-Nachrichten treffend bemerkt, auch eine Art „Schauspiel-Jazz“: Variationen über Leben und Leiden eines Künstlers; Improvisationen scheinen erlaubt, und einmal werden den Schauspielern sogar aus dem Parkett Signale zum wechselnden Einsatz gegeben. „Schlampig“, nicht mit präziser Wiederholung immer gleicher Abläufe in jeder neuen Vorstellung.

Eines jedenfalls will die Aufführung explizit nicht sein: ein authentisches Künstlerportrait. Es werden Spotlights geworfen auf verschiedene Stationen und auf verschiedene Marotten des Künstlers. Martin Kippenberger, in Dortmund geboren und in Wien verstorben, mischte in den 80er Jahren eine Zeitlang in der Kölner Kunstszene mit, und so hat man ihn denn mit typisch Kölner Bescheidenheit gleich vereinnahmt als künstlerischen Prototypen einer Zeit, „als Köln eine Art Weltzentrum der Bildenden Kunst war“. Es ist die Hybris, mit der auch Kippenberger spielte, die sich in einer solchen Formulierung äußert. Mit für den Künstler typischer (Selbst-)Ironie zitiert die Aufführung eine der interviewten Personen, die von der Provinzialität der Stadt und dem häufigen „gezielten Mobbing“ berichtet, das in deren überschaubarer (wenn auch tatsächlich hochkarätiger) Kunstszene an der Tagesordnung war. Name Dropping findet statt wie man es von elitären gesellschaftlichen Veranstaltungen oder aus unangenehmen Anbiederungsgesprächen kennt. Es sind allerdings weniger die Namen von Personen als die von Orten, die insbesondere zu Beginn des Abends auf uns einprasseln: das Chelsea Hotel, die Paris Bar, das Café Einstein, Walther Königs Buchhandlung und Kasper Königs Museum, in dem Kippi lange Zeit ignoriert wurde – places to be für eine aufstrebende Künstlernatur. Man kann sich vorstellen, dass Kippenberger, angeberisch wie ein Sack Sülze, solches und anderes Name Dropping exzessiv betrieb – vor allem aber, dass es diese Orte waren, in denen er an der Etablierung seines Ruhms arbeitete.

Das tat er mit den „Posen eines Selbstdarstellers“, wie Kippenbergers Ex-Ehefrau, die österreichische Fotografin Elfie Semotan, zitiert wird. Elfie, vor allem aber die Künstler-Fotografin Andrea Stappert, die sich damals ebenfalls in Köln niederließ und die die Legendenbildung um Kippenberger auch als Ausgangspunkt für ihren eigenen Ruhm betrachtet, fotografierten diese Posen, Martin malte sie später ab. Selbstdarstellung betrieb Kippenberger aber auch mit seinen Provokationen: in der Kunst als „König der Trashkultur“, wie Jörg Scheller ihn in der ZEIT vor einigen Monaten in einem kritischen Rückblick bezeichnete, und im Leben durch das Unterlaufen jedweder gesellschaftlicher Konvention: „Peinlichkeiten herzustellen machte ihm Spaß“, heißt es einmal in der Kölner Aufführung. Das angeführte Beispiel („Alle Frauen aufstehen, die schon mit mir geschlafen haben!“ - und prompt erheben sich 40 Damen von ihren Sitzen) wird in der anschließenden Publikumsdiskussion durch einen einstmals mit Kippenberger gut bekannten Zuschauer bestätigt, der eine ähnliche Anekdote erzählt. Ebenso wie die exzessive Redelust des Künstlers: Kippi hörte nicht zu, es stellte sich dar, ausufernd, mit Brüchen, den Faden verlierend – so wie Yuri Englert in einem komödiantischen Höhepunkt der Aufführung einen endlosen Schildkrötenwitz erzählt, ohne je zur Pointe zu kommen. Ob das in der Realität noch witzig war? Wir jedenfalls lachen uns kringelig in der Kölner Aufführung.

Alle Schauspieler geben Kippenberger, und alle sprechen Teile der Interview-Aussagen. Marek Harloff gelingt die für den Künstler typische Kombination aus Wichtigtuerei und Ironie am überzeugendsten, sei es als Kippenberger, sei es als kaum weniger großspuriger Ben Becker. Am facettenreichsten wirkt Judith Rosmair, die tanzt, die mit obszönen Gesten und grellen Schreien, mit verständnisvoller Empathie und sachlicher Beschreibung die ganze Palette ihrer Schauspielkunst aufbietet. Ihr gehören auch zwei der am meisten berührenden Momente der Aufführung. Das Bühnengemälde zeigt nun den Deutschen Pavillon in den Giardini in Venedig: dort, an einen der profiliertesten Orte der Kunst, träumte Kippi sich hin. Und dort ist er nun angekommen – auf der Hochzeitsreise, in einem Jahr, in dem gar keine Biennale stattfand. Tragik und Größe, Traum und Größenwahn des Künstlers, der  „der Erste unter den Zweitklassigen“ sein wollte, könnten kaum besser in einem Bild zusammengefasst werden. Rosmair ist es auch, die im Schlussbild mit der Intensität ihrer Trauer fast zu Tränen rührt, als alle fünf Schauspieler noch einmal eine ganz persönliche Erinnerung der interviewten Personen an den im Alter von 44 Jahren an Leberzirrhose verstorbenen Künstler sprechen.

Der Erste unter den Zweitklassigen. So sehr er im Leben unterschätzt worden sei, so sehr werde er nach seinem Tode überschätzt, sagt der Kurator einer seiner Ausstellungen. Trashkultur hin, Dilettantismus her – Kippenbergers Werke erzielen bei Auktionen heute sagenhafte Preise: Seine „Paris Bar“ wurde vor vier Jahren bei Christie’s für mehr als zwei Millionen Euro versteigert – und dann stellte sich heraus, dass das enfant terrible der Kunstszene das Bild von einem unbekannten Auftragsmaler hatte malen lassen.

Angela Richter sagt: Er hörte auch sagenhaft schlechte Musik oder einfach belanglose Pop Songs. Musik und Tanz lockern die Kölner Aufführung zwischen den Szenen unterhaltsam auf. Vielleicht können wir von Kippi und dem mit ungeheurem Schmelz eingespielten David Bowie ja noch was lernen: „We can be heroes / Just for one day.“ Immer feste dran glauben! (Aber vielleicht nicht so viel trinken…)