Alles ist Spaß auf Erden?
Dem Kölner Theater der Keller ist eine Schauspielschule angeschlossen, die in der Vergangenheit Künstler von großem Renommee hervorgebracht hat: Gudrun Landgrebe, Jürgen Flimm, Til Schweiger und viele mehr. Die Ausbildung ist etwas anders strukturiert als etwa die am Opernstudio der Städtischen Bühnen. Dieses bringt zwar keine Produktionen mehr in eigenem Namen heraus (wie früher einmal), doch finden die Mitglieder vielfältige und attraktive Auftrittsmöglichkeiten bei den Inszenierungen der Kinderoper. Damit ist dem Austesten von Begabung ein Rahmen gegeben, der herausfordert, aber nicht überanstrengt. In kleinen Rollen stehen die jungen Sänger immer wieder auch auf der „großen“ Bühne. Ähnlich verhält es sich am „Keller“. Allerdings bringt die „Schule“ darüber hinaus alljährlich eine Arbeit der Abschlusssemester heraus, welche in den allgemeinen Spielplan integriert wird. In der aktuellen Saison (Heinz Simon Keller ist der neue Intendant des Hauses) versichert man sich bei William Shakespeare. Allerdings bietet man kein komplettes Bühnenstück, sondern eine dramatischen Collage, in deren Mittelunkt die Figur des Narren steht: Foolin‘ around. Rockfans verstehen den Hintergrund des Titels.
„Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist“, heißt es in der Komödie Wie es euch gefällt, Ein vieldeutiger Satz, der Seins-Überlegungen in Gang setzt. Eine Studie von Susanne Hahn, „Der weise Narr“, beschäftigt sich mit dieser Figur speziell bei König Lear. Was den Narren in diesem Drama jedoch über den anderer Stücke erhebt, ist seine tiefe Mitleidsfähigkeit. Das sonst übliche, subversive Sprücheklopfen, welches dazu dient, Fürsten, Herzöge oder andere Potentaten mit verklausulierten Worten auf Fehler hinzuweisen, sie vielleicht zu lenken oder auch vor feindlichen Machenschaften zu warnen, wird hier sublimiert und humanisiert.
Das Konzept des einstündigen Abend wie auch die Textanordnung stammen von Brian Michaels, einem vielseitigen englischen Theatermann, der seit langem an der Essener Folkwangschule lehrt. 1975 hatte er in Frankfurt das multinationale „Gallus Zentrum“ gegründet, drei Jahre später das „Teatro Siciliano“, welches - Novität für Westdeutschland - ausschließlich Immigranten beschäftigte. Auch dem Musiktheater ist Michaels zugetan, arbeitete an der Stuttgarter Oper, bei den Wiener- und Innsbrucker Festwochen, den Schwetzinger Festspielen. Projekte über altägyptische Mythologie und andere Themen kamen hinzu. Ein ganzer Theaterkosmos also.
Die „Keller“-Aufführung auf leerer Bühne (einziges Dekorelement ist eine hoch am Bühnenportal angebrachte, stilisierte Narrenkappe) erhebt nicht geringe Ansprüche an Aufmerksamkeit und Konzentration des Publikums. Aber selbst dort, wo man als Zuschauer vielleicht schon mal etwas durchhängt, hilft die geradezu überbordend spritzige Inszenierung rasch darüber hinweg. Die clownsmäßig weiß geschminkten Gesichter der Darsteller (fünf weibliche, ein männlicher), in denen Augenbrauen mit mächtigem Pinselstrich hervorgehoben sind, entindividualisieren die Akteure zwar ein wenig, unterstreichen aber gleichzeitig die Individualität von Charakteren. Das ausgesprochen körperbewegte, ja körpervirtuose Spiel vermittelt manchmal regelrechte Zirkusatmosphäre. Aufgelockert wird alles durch Song-Einlagen. So werden die angehenden Berufsschauspieler in nahezu allen Disziplinen gefordert, in welchen sie später einmal bestehen müssen. Im jubelnden Premierenpublikum saßen viele Jugendliche, unter denen man etliche Freunde und Verwandte vermuten darf. Aber die Wirkung des Abends dürfte sich in künftigen Aufführungen auch ohne besonderen emotionalen Zuspruch einstellen. Die Namen der Darsteller: Luana Bellinghausen, Luan Gummich, Alena Kolbach, Julie Stark, Pinar Özden, Alice Zikeli.