Çinka im Dortmund, Schauspielhaus

Zwei Menschen und ein Geisterwesen

Am Beginn steht der Klang. Im Dämmerlicht schält sich der Musiker Birol Topaloglu heraus und lässt eine Sackpfeife in für uns fremdartigen Melismen ertönen. Es ist mehr zu ahnen denn zu sehen, dass der Künstler noch weitere Instrumente um sich geschart hat, um sie nach und nach als Beigabe zu einem geheimnisvollen Spiel zu nutzen. Zu einem Stück, in dessen Mittelpunkt die sagenumwobene Figur Çinka steht, die sich gewissermaßen in einem mythischen Dunkel bewegt. Daraus erwächst ein Paar, dessen Lebenszyklus die weitere Handlung bestimmt. Aufgeteilt in szenische Episoden, entwickelt sich ein fantasievoller Reigen. Mit Musik und etwas Gesang, aber ohne Worte.

Çinka heißt das Stück des türkischen „Altidan Sonra Tiyatro/Kumbaraci50“, das seinen Sitz in Istanbul hat, in Beyoglu, einem der wichtigsten Standorte der freien Kunstszene. Das Haus ist schon seit geraumer Zeit Partner des Mülheimer Theaters an der Ruhr, das wiederum in Kooperation mit dem Schauspiel Dortmund eine Gastspielreihe „Szene Istanbul“ ins Leben gerufen hat. Çinka lädt ein zur freien Assoziation und ein wenig auch zum Meditieren. Denn in diesem 70minütigen Spiel gibt es keine Hektik, vielmehr ein sorgsames Gestalten der Szenen.

Und trotz karger Ausstattung (Candan Seda Balaban) auf der nicht kleinen Dortmunder Bühne entsteht nie das Gefühl, als Zuschauer in die Leere zu blicken. Zu stark wirken Musik, Lichteffekte und die Choreographie der Figuren (Ilyas Odman). Wenn zudem in der Regie von Yigit Sertdemir schemenhaft sichtbar wird, dass etwa das riesige, aus Körben gebildete, zottelarmige Wesen Çinka nicht von Geister- sondern von Menschenhand geführt wird, erleben wir nicht zuletzt die Geburt des Theaters aus der Improvisation.

Das Publikum darf aber auch eintauchen in eine fremde Kultur, die der Lasen, die an der türkischen Schwarzmeerküste siedeln. Für sie ist Çinka eine Naturwesen zum Schutz der Natur, dem Menschen unheimlich, der darin so etwas wie eine Hexe sieht. Im Stück aber, wenn das Paar sich zappelnd aus Körben befreiend die Welt erblickt, in Liebe und Arbeit lebt, mit wiederum (leuchtenden) Körben als offenbar symbolträchtigen Gegenständen, mit Netzen und Stangen, schließlich den letzten Gang (ins Dunkel) antritt, ist eher von Magie als über Angst zu sprechen.

So sehen wir klingendes, gleichwohl stilles, fremdes und spannendes Theater. Das abseits von computergesteuertem Multimediaeinsatz eine ganz eigene Kraft entwickelt.