Der Prozess im Dortmund, Schauspielhaus

Herr K. – Schuldig, aber warum?

Franz Kafkas Roman beginnt mit den Worten: „Jemand muß Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas böses getan hatte, wurde er eines morgens verhaftet“. K. macht sich auf die Suche. Nach dem Gericht, nach Jemandem, der ihn aus dieser Misere befreien kann – und nach sich selbst. Immer mit dem festen Willen, alles richtig zu machen. Schließlich hat er sich nichts vorzuwerfen. Oder doch? Jeder Versuch, den Josef K. zu seiner Befreiung unternimmt, konfrontiert ihn mit einem undurchschaubaren System, dessen Gesetze Willkür und Zufall zu unterliegen scheinen. Er kämpft, zunächst Ruhe bewahrend, beharrlich gegen die Windmühlen der Justiz, verkörpert durch eine namenlose Institution. Die surreale Handlung vermittelt permanent eine nicht greifbare Bedrohung. Und fast jeder scheint an diesem Verwirrspiel beteiligt zu sein. Sei es sein Onkel, der ihm einen redseligen, aber untätigen Advokaten zur Verteidigung vermittelt. Oder Fräulein Bürstner, die scheue, orakelhafte Nachbarin in der Pension von Frau Grubach. Sei es die Frau des Gerichtsdieners oder Leni, die alle Angeklagten liebt. K.’s verzweifelte Bemühungen, den Dingen auf den Grund zu gehen, erzeugen nur Irritationen und Unsicherheit. Das Gericht erscheint ihm wie eine Festung, der er sich trotz wiederholter Versuche nicht nähern kann.

Carlos Manuel inszenierte den Prozess am Schauspiel Dortmund im intimen Rahmen der Studiobühne. Zusammen mit dem Dramaturgen Thorsten Bihegue schuf er für diese Arbeit eine eigene Bühnenfassung.

Bis auf Björn Gabriel, der Franz K. eher zurückgenommen spielt, müssen die anderen Mitglieder des Ensembles (Andreas Beck, Sebastian Graf, Uwe Rohbeck, Merle Wasmuth) mehrere Rollen spielen.

Manuel weicht in seiner Inszenierung von der bisher – der Thematik entsprechenden – tristen Atmosphäre des Stoffes ab. Es beginnt schon mit der Musik „Stayin‘ alive“ am Anfang, zu der Gabriel über die Spielfläche tänzelt. Die Bühnenausstattung erinnert zum Teil an ein altmodisches Wohnzimmer mit scheußlicher Tapete und Lampen von vorgestern. Andererseits hängen Werbeplakate für Damendessous an den Seitenwänden. Die Wärter tragen hässliche, groß karierte Jacken wie Comedians. Merle Wasmuth tritt als Prüglerin in einem Domina-Latex-Anzug auf. Manche Szenen sind amüsant und komisch, was gut zu der absurden Grundstimmung des Stückes passt. Andere Regieeinfälle leuchten nicht ein, so das „Spiel“ mit Obst und Gemüse – Äpfel, Orangen und Sellerie werden gegessen, durch die Luft geworfen und zerquetscht, so dass eine Art Schlachtfeld entsteht. Ebenso wirkt die Szene, in der sich die Wärter Bärte umbinden und wie fromme, orthodoxe Juden an der Klagemauer an der Wand mit den Postern beten, fehl am Platz. Auch wenn sich natürlich ein Bezug zu Kafkas Judentum herstellen ließe. Und warum tritt der Advokat im Rollstuhl, an seinem Daumen nuckelnd, auf, um kurz darauf zu einem fitten Mann zu mutieren, der japanische Kampfsportfiguren vorführt? Ist es nötig, so viel zu schreien?
Insgesamt lassen manche Mätzchen und Spielereien den Fokus auf das eigentliche Thema – die alptraumhafte Lage des Franz K. – in den Hintergrund treten.

Ein Abend mit verschiedenen Nuancen – nicht uninteressant, aber auch nicht von nachhaltigem Eindruck.