Die Orestie im Oberhausen, Theater

Sex und Crime mit Agamemnon und Elektra

Wie denn das gewesen sei mit dem Tod von Vater, fragt Orest seine Schwester. „Das ist eine lange Geschichte“, antwortet Elektra. Die kann neun Stunden dauern, wie wir von Peter Steins legendärer Inszenierung aus dem Jahre 1980 an der Schaubühne am Halleschen Ufer wissen. Simon Stone erzählt sie am Theater Oberhausen in 110 Minuten. Was Wunder: Elektra fliegt ja auch per Flugzeug ein, um sich mit Bruder Orest zu treffen. Langwierige Fußmärsche, Schiffspassagen oder die wochenlange Suche nach dem Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde sind out im 21. Jahrhundert.  

Der knapp 30jährige australische Regisseur Simon Stone wird seit den Gastspielen seiner Wild Duck (Wildente) beim Ibsen-Festival in Oslo, bei den Wiener Festspielen und beim Holland-Festival in Amsterdam auch in Europa gehypt und inszeniert zum ersten Mal in Deutschland. Er annonciert seine Orestie als Uraufführung. Er nimmt das Handlungsgerüst der 2.500 Jahre alten Tragödie, biegt es solange zurecht, bis dass es halbwegs glaubhaft ins 21. Jahrhundert passt und macht aus dem archaischen Stoff eine Soap aus dem Jahr 2014. Von Aischylos‘ konzeptionellem Überbau, von Göttern, von moralischen Verpflichtungen, die nur durch unmoralische Verfehlungen zu erfüllen sind und erneuten Götterfluch nach sich ziehen, bleibt nichts übrig. Also eine Orestie light?

Eine Orestie jedenfalls, für die man nicht erst ein Studium der griechischen Mythologie hinter sich haben muss – die ist nämlich gestrichen. Stone erzählt ein Familiendrama. Aischylos rückwärts: in einer phantasievollen Inszenierung, die mit viel Humor beginnt und mit großem Herzschmerz endet. Am Ende steht die Opferung der Iphigenie, eigentlich der Beginn der großen Verkettungs-Tragödie, und am Anfang der letzte Showdown: Orest konfrontiert Mutter Klytaimnestra mit den Sünden der Vergangenheit, die im Gattenmord endeten. Die lenkt ihn ab mit Reminiszenzen an den Spielplatz seiner Kindheit nebst inzwischen verschwundenem Friseurgeschäft und versucht, angesichts ihrer drohenden Liquidation Zeit zu gewinnen. In der halbwegs gehobenen Gesellschaft vollzieht sich solche Konversation gelassen, aber trotzdem mit tödlichem Ende. Orest zückt die Pistole und schießt: „Ich wollte Gerechtigkeit, keine Rache. Und ein Ende dieser ganzen Geschichte.“

Es folgen: Rückblenden. In roter Schrift auf schwarzem Kubus respektvoll griechendramenkompatibel angekündigt, anschließend in nicht immer stubenreiner Alltagssprache umgedeutet. Dienstbotenklatsch, Wachpersonal-Geraune, Elektra im Rollstuhl. Ist der Grund für ihre Behinderung ein früherer Selbstmordversuch? Die Familienkonstellation war schon zu Papa Agamemnons Zeiten suboptimal für eine gesunde Entwicklung der Kinder: „Mama war eigentlich nie da.“ Orest, Iphigenie und Elektra sind vom Au Pair aufgezogen worden; Orest kann sich kaum an Mutter Klytaimnestra erinnern. So eine kann man später sicher leichter umbringen als eine treu sorgende Übermutter. - Orest und Pylades spielen Kicker und diskutieren ihren Racheplan eher flapsig – „Tischfußballphilosoph“, spottet Orest. „Turnbeutelvergesser“ sagt Strophios, Pylades‘ kaum empathischer, aber viel salbadernder Vater zu seinem Sohn, als er die beiden zum Flughafen bringt. In Mykene werden Orest und Pylades „mit Glanz und Gloria empfangen“, wie das rote Laufband ankündigt, doch der prollige Aigisth im Bademantel und Klytaimnestra mit Handtuch im Haar scheinen nur mittelprächtig begeistert.

Und dann: wird Klytämnestra sich verraten: Wie Lady Macbeth, deren Hand alle Wohlgerüche Arabiens vom Mordgeruch nicht werden reinigen können, spricht sie schlafwandelnd von ihrer Tat – im Beisein ihres Sohnes. Ein wenig merkwürdig wirkt diese Begegnung inmitten all der banalen Alltags-Szenen – nun, warum soll nicht auch ein Simon Stone ebenso wie ein Shakespeare oder ein Ibsen gelegentlich zu etwas fragwürdigen dramaturgischen Mitteln greifen müssen, um den Handlungsverlauf zu beglaubigen. Orest und Pylades töten Aigisth eher versehentlich; griechische Götterflüche funktionieren heute banaler, aber sie funktionieren noch. Dann ist auch Klytaimnestra reif – und wir sind wieder bei der Anfangs-Szene des Abends.

In weiteren Rückblenden erfahren wir, warum die zögerliche Klytaimnestra letztendlich doch den aus Troja zurückgekehrten Gatten Agamemnon tötete (weil ihr Liebhaber Aigisth mittlerweile mit Elektra in die Kiste springt), warum Agamemnon Rettungsringe, Klytaimnestra aber noch eine knackige Figur hat (sie macht Pilates), wir erleben den Tod von Agamemnon, feiern mit Iphigenie und ihrem sympathischen Veganer-Freund den 16. Geburtstag – und arbeiten uns so rückwärts bis zum tragischen Ende des Abends, dem tragischen Beginn der Geschichte. Der Opferung Iphigenies. Um günstiger Winde für den Kriegszug gen Troja willen? Nix da – schlimmer ist’s. Iphigenie hat ALS, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, das zu Gang-, Sprech- und Schluckstörungen und innerhalb von drei bis fünf Jahren zum Tode führt. Agamemnon leistet Sterbehilfe – auf Wunsch seiner Tochter, aber gegen den Widerstand und ohne das Wissen seiner Frau. Das wird sie ihm nie verzeihen. „Swallow the Moon“, dröhnt über die Lautsprecher – das Requiem für die junge Frau, die nicht mehr schlucken kann.

Komödiantisch hatte der Abend begonnen, hinreißend traurig endet er. Zugegeben: Eine Soap ist er immer noch. Der Lordsiegelbewahrer der klassischen Tragödien des Altertums mag ihm das zum Vorwurf machen. Der Lordsiegelbewahrer bewahrt halt – Stone aktualisiert. Mit aller Konsequenz, manchmal sogar reichlich aufdringlich: Dass in der ersten Hälfte des Abends in jedem zweiten Satz auf Smartphones, Skype, Instagram und ähnliche Errungenschaften der digitalen Gesellschaft hingewiesen wird, verliert recht bald seinen Witz. Und dass des Spielleiters sprachmächtige Schwester bei der Übersetzung des in englischer Sprache geschriebenen Texts den Fehler vieler Übersetzer moderner jugendsprachlicher Texte begangen und nicht begriffen hat, dass nicht jedes im Englischen benutzte F-Wort im deutschen Sprachgebrauch mit ungleich vulgärer klingenden verfickten Vokabeln gleichzusetzen ist, nervt ebenfalls - solche Rede ist in den Kreisen von Aigisth und Agamemnon auch im 21. Jahrhundert keineswegs an der Tagesordnung. Doch die Aktualisierung erfolgt keineswegs nur auf der Sprachebene: Stone hat sich überlegt, wie eine solche blutig-tragische Verkettung von Ereignissen denn wohl im Heute zustande kommen könnte – ohne Atriden-Fluch, ohne das harsche Spiel der Götter mit der unausweichlichen Endlosschleife von Schuld und Sühne. Er hat die Typisierung der Figuren angepasst und aus den Atriden eine ganz normale Familie gemacht; Götteropfer werden zu schicksalhaften Krankengeschichten und bombastische Mordinszenierungen zu kleinen, aber gut motivierten Eifersuchtsdramen. Und so wird auch die Erzählweise eine ausgesprochen heutige: eine privatfernsehtaugliche, clevere Familienserie in Fortsetzungen mit ungezählten Kürzest-Szenen, ganz viel Sex and Crime und höchstem Unterhaltungswert. Grandiose Musik von Mozarts Requiem über Echo and the Bunnymen bis zur Hardrock-Begleitung von Klytämnestras Tod trennt die Mini-Szenen voneinander und gibt der Aufführung einen mitreißenden Sog.

Auch junge Zuschauer, die sich sonst bei solch einem Trumm von Antikenstück grausend abwenden, werden von dieser mit einer Trivialfilm-Ästhetik spielenden Aufführung angesprochen. Nicht umsonst erinnern Eike Weinreich und Sergej Lubic als Orest und Pylades an das grandiose Abenteurer-Duo Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow aus Karsten Dahlems Jugend-Inszenierung Tschick am gleichen Haus. Weinreich als Orest und Lise Wolle in der Doppelrolle als Elektra und Iphigenie ragen heraus aus einem Ensemble, das an diesem Abend weit über Oberhausener Normal-Niveau agiert – mit ungeheurer Authentizität und Spontaneität sowie exakten Einsätzen. Torsten Bauers Agamemnon ist zu nennen: ironisch-gelassen, am traurigen Ende aber zutiefst berührend. Mit anderen Schauspielern wäre auch ein anderer Text gespielt worden, hatte Simon Stone im Vorfeld der Premiere gesagt – genau das spürt man: hier haben sich die Schauspieler mit ihrem ganzen Wesen eingebracht; hier haben sie ganz offensichtlich selbst an der Textfassung mitgewirkt, so dass sie sich ihre jeweiligen Figuren mit ungewöhnlicher Perfektion und Glaubwürdigkeit anverwandeln können.

Eine Orestie light? Ja, das ist sie wohl. Aber auch ein intelligenter Transfer eines archaischen Stücks in die Welt, in der wir leben. Auch der anspruchsvolle Zuschauer ist mit- und hingerissen. „All hands on deck at dawn / Sailing to sadder shores“ hatte in einer der Musikeinspielungen zuvor geheißen. All hands clap: Jubel.