Der nackte Wahnsinn im Dortmund, Schauspielhaus

„Gibt’s was Schöneres als eine Hauptprobe bis zum frühen Morgen?“

Es ist beinahe Mitternacht. Seit Stunden läuft die Probe auf Hochtouren und noch ist kein Ende in Sicht. Regisseur Lloyd Dallas verzweifelt fast: „Ich fange an zu begreifen, wie Gott zumute war, als er … die Welt erschuf. Dabei hatte er sechs Tage! Wir haben nur sechs Stunden!“ Zwar stehen die Kulissen, dafür klemmen die Türen und auch der Text will nicht so recht. Sechs Stunden bis zum Premierentag, der doch der Auftakt zu einer langen und hoffentlich erfolgreichen Tournee sein soll, die sicherlich nicht den künstlerischen Durchbruch, aber immerhin allen Beteiligten eine bescheidene Gage bringen soll. Grund genug für Schauspieler, Regisseur, Assistenten und Inspizienten, sich unerschrocken in das Chaos zu stürzen: „Macht euch keine Sorgen“, so Dallas. „Betrachtet die Premiere als Generalprobe. Wir lassen es jetzt einmal durchlaufen… Auftritte, Abgänge. Sardinen rein, Sardinen raus. Das ist Theater. Das ist das Leben“. Ob es den wild improvisierenden Akteuren, die sich mit Allüren, Geltungssucht und Affären das Leben gegenseitig schwer machen, gelingen wird, die Premiere zu „stemmen“?

Michael Frayn, einer der produktivsten britischen Schriftsteller unserer Zeit, erlebte 1982 mit der Uraufführung seiner Farce Der nackte Wahnsinn ( Noises off) seinen Durchbruch. Auch in Deutschland wurde und wird das raffiniert konstruierte, turbulente Stück vielfach nachgespielt – eine Kultkomödie par excellence. Frayn ist jedoch nicht auf Farcen abonniert. So stammt von ihm der Politthriller Kopenhagen, eine historisch-literarische Recherche über die Begegnung Werner Heisenbergs mit Niels Bohr während der von den Nazis anberaumten Kopenhagen-Konferenz.

Peter Jordan und Leonhard Koppelmann arbeiten nach Arsen und Spitzenhäubchen  in der vergangenen Spielzeit zum zweiten Male als Regie-Duo in Dortmund zusammen. Ihnen ist ein absolut witzig-spritziger Abend gelungen, der die Vorlage brillant umsetzt. Dass es auch anders geht, war zu Spielzeitbeginn in Köln zu sehen…

Pia Maria Mackert hat ein schön-kitschiges, verschachteltes Landhaus mit Elchkopf über dem Kamin auf die Bühne gestellt. Vorne die Regiebox mit Lloyd Dallas (Andreas Beck, mal verständnisvoll-nachsichtig auf die Problemchen seiner Schauspieler eingehend, dann durchaus autoritär-bestimmend), der Souffleuse und dem schwulen Regieassistenten Poppy Norton-Taylor (im Original ist Poppy eine Frau). Peer Oscar Musinowski glänzt als strebsamer, eifriger junger Mann, der alles tut, um im Wettbewerb um die Gunst des Chefs mit der jungen Schauspielerin Brooke Ashton als Sieger hervorzugehen. Krass seine blonde Popper-Perücke. Merle Wasmuth spielt die naive Jungakteurin Brooke Ashton - im Stück die unbedarfte, aber attraktive Vicki -, die immer im falschen  Moment eine ihrer Kontaktlinsen vermisst. Höchst bravourös – auch vom Körpereinsatz her, wie alle im Ensemble – Frank Genser, der den Immobilienmakler Roger Trampleman im Stück gibt und der dort ein Verhältnis mit Vicki hat. Liebesgeplänkel, Eifersüchteleien und Missverständnisse machen die Würze in diesem amüsanten Stück über Theater und Schauspieler aus. Manch wahrer Aspekt wird da witzig verpackt gezeigt. So wenn Frederick Fellowes (Ekkehard Freye sah man selten so urkomisch) umständlich den Regisseur um Rat fragt: „Du weißt, wie schwer ich mich immer mit dem Handlungsstrang tue“ und als lapidare Antwort zu hören bekommt: „Stell dir vor, du wärst ein Schauspieler“.

Man staunt immer wieder über viele geistreiche Details, die den Abend zusätzlich „garnieren“. So verliert der Elch über dem Kamin einen Teil seines Geweihs, als alles zu zerbröseln beginnt.

Im zweiten Akt sehen wir das Bühnenbild von hinten. Zwischenmenschliche Probleme werden klarer, Fieslichkeiten untereinander nehmen zu. Sebastian Graf als Tim Allgood ist auch hier ein herrlich als leicht verschusselter Inspizient und Bühnenmeister, der auch mal den „Einbrecher“ spielen muss. Denn Selsdon Mowbray (Uwe Schmieder) – ein Schauspieler, der seine besten Zeiten hinter sich hat – ist nicht immer zur Stelle, nicht zuletzt wegen seiner Liebe zum Alkohol.

Im letzten Akt ist die Katastrophe komplett. Alles läuft aus dem Ruder. Man sieht das inzwischen  arg ramponierte Bühnenbild bei der letzten Vorstellung der Tournee wieder von vorne. Alle haben Federn gelassen, von dem eigentlichen Stück ist kaum etwas wiederzuerkennen. Lloyd flüstert nur noch verzweifelt „Vorhang“.

Nicht vergessen werden soll Friederike Tiefenbacher. Sie überzeugt als Haushälterin Mrs. Clackett. Eigentlich ist sie nur noch da, um im Fernsehen irgendeine Promihochzeit in Farbe zu sehen, hat sie zuhause doch nur Schwarzweiß. Dazu hat sie sich einen schönen Teller Sardinen gemacht. Dieser wird im Folgenden noch manchen Auftritt haben und für Verwirrung sorgen.

Insgesamt ein höchst vergnüglicher Abend mit einem exzellenten Ensemble, das diese pointenreiche „Theater auf dem Theater“-Komödie mit viel Spaß und exaktem Timing spielt. Wunderbar!