4.48 Psychose im Dortmund, Schauspielhaus

Aus wie viel Biochemie besteht die Seele? Aus welchen Molekülen besteht das Glück?

Mit gleich mehreren Stücken befasste sich das Schauspiel Dortmund mit der Angst der Bürger in diesem Land, die auf die Ansprüche der Leistungsgesellschaft mit Depressionen und Ängsten reagieren. In der Reihe „Stadt der Angst“ sah man an dem Eröffnungsabend mit gleich drei Premieren zunächst die Uraufführung Autschland d’Amour (besser scheitern) von Fred Hundt (Pseudonym des Regisseurs Marcus Lobbes). Dann folgte Gogols Der Revisor. Regie: ebenfalls Marcus Lobbes. Den düsteren Schlussakzent setzte Kay Voges‘ Inszenierung von Sarah Kanes 4.48 Psychose.

Die Dramatikerin Sarah Kane wurde 1971 in Essex geboren. Am 19. Februar 1999 nahm sie eine Überdosis Tabletten. Ihr Magen wurde im Krankenhaus ausgepumpt. Sie ging nach Hause und hängte sich auf.

Sarah Kanes Stücke handeln von Gewalt. Ob im Krieg, in Vernichtungslagern, in der Liebe als Feld der Grausamkeiten oder schließlich in der Selbstzerfleischung des depressiven Bewusstseins. Es geht immer darum, was Menschen sich antun. Ihr erstes Theaterstück Zerbombt löste eine heftige öffentliche Kontroverse aus. Die schonungslose Darstellung psychischer und physischer Gewalt, mit der die Zuschauer konfrontiert werden, scheint für viele unerträglich zu sein.

Ihr letztes Stück, 4.48 Psychose, wurde 2000 posthum am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt. Die im Verlauf ihres Werkes immer radikaler werdende Verknappung und Verdichtung ihrer Sprache hat hier die intensivste Phase erreicht. Die Handlung tritt in den Hintergrund, Sprache und Rhythmus kristallisieren psychische Zustände. Der Text kreist um die Erfahrungen und Gedanken eines seelisch Kranken, seziert die schrittweise Auflösung des Ichs, welche der Kranke schmerzhaft wahrnimmt. Wohl autobiographisch verweist der Stücktitel auf den Augenblick der größten Klarheit einer Psychiatriepatientin: 4 Uhr 48, ein Moment zwischen zwei Medikamentendosen, wo die Tablettenwirkung in den Hintergrund tritt und die Klarheit kommt, die vielleicht zugleich Wahn ist. Auch der Beginn der kurzen Tagesphase, in der Sarah Kane in diesem ihrem letzten Winter schreiben kann.

Regisseur Kay Voges entwickelte mit den Software-Ingenieuren Stefan Kögl und Lucas Pleß einen theatralen Laborversuch der besonderen Art. Im Studio des Theaters Dortmund ist ein Kubus aufgebaut, dessen Seiten mit Gaze bespannt sind. Eine ideale Projektionsfläche einerseits – wir sehen Textpassagen und Messwerte der Akteure (wie Puls, Temperatur, Systole, Diastole) -, andererseits auch transparent, so dass man die drei Schauspieler im Innern beobachten kann. Weiß gekleidet wie Insassen einer Heilanstalt, tragen sie Messgeräte mit blinkenden Lampen auf dem Rücken. Die Zuschauer sitzen wie in einer Art großen „black box“ um die Bühne herum und verfolgen diesen aufrüttelnden „Versuch der Vermessung der Seele“. Der Text ist nicht bestimmten Rollen oder Figuren zugeordnet. Merle Wasmuth, Uwe Rohbeck und Björn Gabriel sprechen ihn im Wechsel und werden dann jeweils von der Kamera aufgenommen und auf die Gaze im Großformat projiziert. Rohbeck ist dabei mehr der nüchterne Analytiker, Gabriel spricht mit glaubhafter Emphase, Wasmuth schert sich die Haare ab und ritzt sich den Arm auf, blutbesudelt, ein Mensch am Ende seiner Kraft.

Mit am beeindruckendsten aber die eingeblendeten Gedanken Kanes wie „please don’t switch my mind off“ oder die verzweifelte Frage: „Meine Liebe, warum hast du mich verlassen?“. Auch einige sarkastische Bemerkungen wie „Nichts schadet Ihrer Arbeit so wie Selbstmord“.

Mit zunehmender Verzweiflung nimmt der Geräuschpegel zu, dann hört die Übertragung der Körpermessdaten auf, die Schauspieler reißen die Gaze ab – Endes des Experimentes, Ende eines aufrüttelnden, dichten, deprimierenden Theaterabends.

Großes Lob für die Schauspieler!